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Jahresrückblick

Als beim großen Nachbarn alles anders kam

Dass die Ära Merkel endet, war klar. Dass Olaf Scholz Kanzler wird, aber eine faustdicke Überraschung. 2021 war ein Ausnahmejahr in Deutschland in vielerlei Hinsicht - wegen der Flut, wegen Corona, aber eben auch politisch.

Am Abend des 14. Juli 2021 walzt eine mehrere Meter hohe Flutwelle durch das deutsche Ahrtal, wie sie die Menschen dort noch nie erlebt hatten. Dieser Tsunami reißt Autos und Häuser mit, auch Menschen - es gibt 134 Tote. Brücken knickten um wie Streichhölzer. Das Hochwasser hat das pittoreske Ahrtal, mit seinen steilen Weinbergen und historischen Fachwerkshäusern teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Bilder gingen damals um die Welt. Aber sie verschwanden auch wieder. Denn diese eine Naturkastrophe wurde von einer anderen überlagert, die sich „in Zeitlupe“ (Christian Drosten) vollzieht: Der Corona-Pandemie.

Dabei  hat möglicherweise der Kampf um das Erbe von Angela Merkel (CDU) in den Trümmern der Flutgebiete seine entscheidende Wendung genommen. CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet war nie ein Publikumsliebing, aber nach seinem Lachanfall im Flutgebiet fiel er vollends in Ungnade. Vorne sprach der Bundespräsident, hinten kicherte der Merkel-Kronprinz. Von den Bildern hat er sich nie erholt. Nicht nur beim Ortsbesuch regierte die Wut.

Der Karnevalfan aus dem äußersten Westen, aus Aachen, ist die tragische Figur des Jahres 2021.  Noch vor wenige Monaten war er respektierter Ministerpräsident im 16-Millionen-Einwohner-Land, Chef der CDU, der mächtigsten Partei der deutschen Nachkriegsgeschichte und Kanzlerkandidaten. Jetzt ist er einfacher Abgeordneter im Bundestag.

Der Misserfolg hat viele Väter:  Markus Söder, CSU-Chef und  inzwischen als Corona-Krisenmanager entzaubert, torpedierte den Wahlkampf der eigenen Parteienfamilie nach Kräften. Nie machte er den Eindruck, die  Niederlage gegen Laschet im zehntägigen Nervenkrieg um die Kanzlerkandidatur verwunden zu haben.

Der Machtverlust bei den Wahlen im Herbst war für die CDU der GAU, der größte anzunehmende Unfall, aber er folgte einer historischen Logik: Auch die Ära Kohl endete nach 16 Jahren,. Trotz aller Schmerzen wurde die Staffelübergabe zivilisiert vollzogen, was Berlin viel Respekt eintrug. Noch einmal beugte sich die Welt über Merkels Erbe, über ihr Parteivermächtnis ("sie hat die CDU grüner gemacht") ihren europäischen Nachlass,  aber auch über die innerdeutschen Baustellen, die sie ihren Nachfolgern hinterlässt. Die erste Frau im Kanzleramt hatte viele Gesichter, wie sich zehn „Presse"-Korrespondenten erinnern. sich"-Korrespondenten erinnerten sich. Deutschland, das zählt zur Bilanz, ist längst nicht mehr der „kranke Mann Europas“. Aber es ist der „alte Mann Europas“.

Wer zu Jahresebeginn auf einen SPD-Kanzler Olaf Scholz getippt hätte, wäre im politischen Berlin ausgelacht worden. Und wenn die neue Führung im Willy-Brandt-Haus, Co-Parteichef Lars Klingbeil und Generalsekretär Kevin Kühnert, vom „sozialdemokratischen Jahrzehnt“ träumt, lacht niemand mehr. Weltweit begeben sich Reporter auf die Spur des  beliebtesten „Langweilers“ (New York Times) der Republik,  die im schmucklosen Hamburg-Rahlstedt nimmt, wo der Pragmatiker von heute einst Rebell war, wie Parteifreunde erzählen.  Ein „Gegenmodell“ zu Sebastian Kurz nennt ihn sein Biograf.

Scholz führt nun eine rot-grün-gelbe  Ampel-Regierung an, die sich aber lieber „Fortschrittsregierung“ nennt, die es so noch nie auf Bundesebene gab und die vieles anders machen will. Aber im Stil ähnelt der sachlich-nüchterne Kandidat dann doch der Vorgängerin.

Die grünen Träume von der ersten Kanzlerschaft zerplatzten indes im Frühjahr 2021 wie eine Seifenblase, was auch an diesem seltsamen „Es tut mir leid"-Wahlkampf lag. Auch bei den Grünen verschoben sich hernach die Gewichte, die gefühlte Nummer eins ist jetzt wieder Robert Habeck, der Vizekanzler, während Annalena Baerbock, die glücklose Kanzlerkandidatin, als erste Frau an der Spitze des Auswärtigen Amts Deutschlands, wechselte. Vieles kam anders. Dass mit Christian Lindner erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert wieder ein Liberaler regieren würde, hatte zu Jahresbeginn niemand auf der Rechnung.

Eine Konstante gibt es auch. Das Jahr endete, wie es begonnen hatte - mit einer Vorsitzenden-Wahl der CDU. Nur dass diesmal, im dritten Anlauf, Friedrich Merz die Wahl gewonnen hat.

Was 2021 wichtig war

Zum Jahresrückblick der „Presse“-Redaktion