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Im Bob Dylan-Shirt: Chloé Zhao.
Jahresrückblick

Film 2021: Es war das Jahr von Chloé Zhao

Mit „Nomadland“ traf die Filmemacherin den Nerv der zeitgenössischen Filmkultur. Und Disneys Zentralkomitee erkor sie für den Neustart seiner Supersaga aus.

Die Erfolgsgeschichte bahnte sich 2020 an. Im Herbst des vergangenen Jahres feierte Chloé Zhaos Vagabundendrama „Nomadland“ bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere. Und wurde dort prompt mit dem Hauptpreis, dem goldenen Löwen, prämiert. Bald begannen die Branchenblätter zu rascheln. Als der Oscar-Siegeszug des Films dieses Jahr ins Feld der Wahrscheinlichkeit rückte – und sich daraufhin bestätigte – ging sein Leumund vollends durch die Decke. Diese Art von Hype ist per se nichts Neues. Allerdings handelt es sich bei seinen Nutznießern nur selten um Filmemacher vom Kaliber einer Chloé Zhao: Künstler, die Breitwandbildgewalt und Publikumswirksamkeit mit dokumentarischem Anspruch und einer soliden ästhetischen Haltung verbinden. In Zhaos Fall verbrieft durch ihre beiden vorgängigen Arbeiten, die noch fest im eng gesteckten Kunstkinosektor verankert waren.

Ihr Drittling „Nomadland“, worin eine ältere Frau (Frances McDormand) nach ihrem Jobverlust im Wohnmobil durch die USA reist und versucht, ein Auskommen als Saisonarbeiterin zu finden, traf viele Nerven der zeitgenössischen Filmkultur. Mit seiner konkreten Verortung in US-amerikanischen Lebensrealitäten, Landschaften und Außenseiter-Communitys – errungen auch durch den Einsatz von Laiendarstellern – stillte er das Authentizitätsbedürfnis eines Publikumssegments, das mit der stetigen digitalen Verkünstlichung des kommerziellen Gegenwartskinos nichts anfangen kann.

Überdies wirkte seine kritisch-melancholische Erzählung wie ein punktgenauer Kommentar zur anhaltenden wirtschaftlichen Prekariserung der Vereinigten Staaten, ohne sich klar einem politischen Lager zuordnen zu lassen. Zhaos Bildsprache verwies deutlich auf klassische US-Kinomythologien vom Western bis zum Roadmovie, zollte ihren Erzähltraditionen auf würdige Weise Tribut, tappte aber nie in die Nostalgiefalle, erweckte vielmehr den Eindruck einer überfälligen Modernisierung.



Hinzu kam Zhaos mehrgleisige Tauglichkeit als Symbolfigur im Kontext einer verstärkten Inklusions- und Repräsentationspolitik Hollywoods. Die 39-jährige Filmemacherin wurde in China geboren und verbrachte dort ihre frühe Jugendzeit. Ironischerweise wurde das „Nomadland“ zum Export-Verhängnis: 2013 äußerte sich Zhao in einem Interview kritisch gegenüber der Meinungsfreiheit in ihrem Herkunftsland. Als ihr Durchbruchswerk weltweite Aufmerksamkeit erlangte, wurde sie für die alten Äußerungen zur Persona non grata in der chinesischen Medienrealität gemacht.

Dennoch kürte Disney die Regisseurin zur Geburtshelferin einer neuen „Marvel“-Superheldenära, ließ sie den Blockbuster „Eternals“ inszenieren, der Anfang November bei uns startete. Seinen wackeligen Brückenschlag zwischen risikobefreiter Großfilm-Ästhetik und poetisch-philosophischem Autorenkino kann man zwar als gescheitert betrachten (>> zur „Presse"-Kritik). Doch Zhao selbst wird nur moderate Blessuren davontragen. Ihre Zukunft steht offen – und wird von vielen mit Spannung erwartet.

(c) APA/AFP/TIZIANA FABI (TIZIANA FABI)

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