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Kim Kardashian ganz in Schwarz, in einem sehr totalen Look von Balenciaga bei der Met Gala.
Jahresrückblick

Mode 2021: Ganz in Schwarz, mit einer Friedenstaube

Eine Amtsangelobung mit Modeschaucharakter zu Beginn, der Abschied von einem Visionär, große Jubiläen und eine denkwürdige Neuinterpretation der Modefarbe Schwarz: Das war das Modejahr 2021.

Das Modejahr begann nicht anders als 2021 für den Rest der Welt: schaumgebremst. Bereits die berühmte und bei Glamouradepten so beliebte Awards Season in den USA entfiel, ebenso wie ihre Wiener Kusine mit Ballkalender und Damenspende. So ist es rückblickend schon verständlich, dass sich sogar die Lifestyle-Presse mit ganz besonderem Eifer der Angelobungszeremonie von Joe Biden und Kamala Harris widmete, die nachgerade zur Modeschau geriet. Da wurde eifrig über die Bedeutung von vestimentären Codes im Sinne der berüchtigten „Fashion Diplomacy“, die Kleider sprechen lässt, nachgedacht und an den Outfits der Protagonistinnen und Protagonisten herumgedeutet. Poetin Amanda Gorman wurde von der Dichterin zum Prada-Testimonial, was Miuccia Prada gewiss nicht nur aus schöngeistigen Gründen gefreut hat, und die Stieftochter von Kamala Harris, Ella Emhoff, trug am Capitol Hill Miu Miu und war ein paar Monate später in Paris auf dem Catwalk der Marke zu sehen. Die goldene Friedenstaube, die Lady Gaga trällernderweise angesteckt hatte, war ein Blickfang von Schiaparelli und wurde im Sommer bei einer Charity-Auktion versteigert.

Es gab später dann zwar sehr wohl noch rote Teppiche bei den Oscars und, im Hybridmodus, bei den Grammys, ja auch in Cannes beim Filmfestival (Red-Carpet-Trend: graues Haar!), aber alle in irgendwie ungewohnten Zeitfenstern, was die Aufmerksamkeit auch fürderhin etwas verwässerte. Ganz und gar gebannt von einem semi-royalen Auftritt waren Freundinnen und Freunde des Hochadels, als Meghan Markle mit ihrem Gatten Harry, einem Prinzen aus London, bei TV-Talkerin Oprah Winfrey auftauchte und ebenfalls einen Look trug, der Interpretationsspielraum bot (ein Lotusmuster als Symbol für Wiedergeburt und Neuanfang, hear, hear!). Den modischen Höhepunkt des Jahres stellte, da macht 2021 keine Ausnahme, die Met Gala in New York dar, die freilich ihrerseits in einem ungewöhnlichen Zeitfenster, nämlich im September, stattfand.

Diese Art Luxusfasching ist mit schöner Regelmäßigkeit ein Robenauflauf, den vielleicht nur Hardcore-Fashionistas ganz entschlüsseln. An das vorgegebene Thema, „In America“, hielten sich viele Gäste freilich nicht, was wohl allein die Werbeverträge mit europäischen Luxusmarken verunmöglichten - aber wer will kleinlich sein, wenn selbst die gestrenge Anna Wintour (die heuer nebenbei fast all ihre „Vogue"-Chefredaktionskolleginnen aushebelte) ein Auge zudrückt. Die Trophäe für das meistbesprochene und meist-in-Memes-verpackte Outfit geht heuer fraglos an Kim Kardashian für ihre Totalverhüllung von Balenciaga (im Dezember wurde sie auch wirklich mit einem People's Choice Award zur Modeikone geadelt) – wenn es denn sie selbst war und nicht irgendein Stand-In, das sie über den Red Carpet schickte.

Apropos Balenciaga: Zu den Highlights des „Schaufenster“-Jahres zählen Gespräche mit interessanten Persönlichkeiten aus der Modebranche. Und hier ist besonders das erste Interview hervorzuheben, das die Vorarlbergerin Martina Tiefenthaler in ihrer Eigenschaft als rechte Hand von Balenciaga-Chefdesigner Demna Gvasalia je einem Magazin gegeben hat. Nicht minder interessant waren Gespräche mit Neuzugängen der Wiener Szene wie etwa Anna Hambira und Neva Özcü, die das Geschehen in der Stadt entscheidend bereichert haben. Und auch mit der jungen Tirolerin Greta Hofer, die seit ihrem Catwalkdebüt für Prada und einem folgenden Exklusivvertrag mit der Marke in die lichten Höhen des Laufstegolymps emporstieg und sich dort gut eingelebt hat.

Lady Gaga volltönend bei der Amtseinführung von Joe Biden, mit Friedenstaube von Schiaparelli.
Lady Gaga volltönend bei der Amtseinführung von Joe Biden, mit Friedenstaube von Schiaparelli.REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

Nachhaltigkeit ist ein wichtiger Punkt für Vorzeigekreative wie Tiefenthaler und Hambira, ebenso wie mittlerweile für die gesamte Luxusbranche, die nicht mehr anders kann, als sich den Erwartungen einer jungen Klientel inklusive Verleihmodellen zu stellen und natürlich auch unablässig nach innovativen neuen Materialien sucht. Am allernachhaltigsten ist es freilich, gar nichts mehr zu produzieren, sondern Bekleidungsgewohnheiten gleich ganz in den virtuellen Raum zu verlagern. Das Phänomen der Cyberfashion spiegelt diese Entwicklung, und wenn wir künftig bei feierlichen Anlässen aufeinander treffen, dann vielleicht einfach mit unseren VR-Brillen vom Sofa aus, gewandet in digitale Kreationen von progressiven Modehäsern und ganz ohne realen Kontakt.

Von einem echten Vordenker musste sich die Modewelt gegen Jahresende verabschieden, als nämlich der US-amerikanische Designer Virgil Abloh verstarb. Seit 2019 hatte er, ohne dass dies publik wurde, an einer seltenen Krebserkrankung gelitten, im Dezember verstarb er während der Designmesse in Miami Beach: Eine berührende Show zu seinen Ehren wurde am Rande der Veranstaltung abgehalten, viele Wegbegleiter und Branchengrößen zollten dem vielseitigen Künstler Tribut.

Sich selbst ausgiebig gefeiert hatten in ihrem Jubiläumsjahr bereits zuvor zwei große Maisons: Bei Louis Vuitton etwa gedachte man eines Geburtstags (nämlich des 200. von Firmengründer Louis Vuitton), und bei Gucci der eigenen Firmengründung vor 100 Jahren, wenngleich sich die Marke frisch wie ein ewiger Teenager gibt. Das Florentiner Modehaus hat sich unter der Führung von Alessandro Michele zum Popkultur-Powerhouse gemausert, was mit einem Riesen-Showspektakel am Hollywoodboulevard unterstrichen wurde und natürlich mit dem – zufälligerweise ebenfalls im Jubeljahr fertiggestellten - „House of Gucci“-Film, auf den cinephile Fashionistas lockdownbedingt in Österreich noch länger warten mussten als anderswo. Was die „Sex and the City"-Neuauflage in Mode- und Popkultursphären bringt, wird derzeit gerade noch heiß diskutiert: Manche meinen, denkbar wenig - nicht alles lässt sich eben so einfach wiederaufwärmen wie ein Modetrend aus vergangener Zeit. Das Revival der „y2k"-Mode der Jahrtausendwende scheint sich auf „And Just Like That“ nicht positiv auszuwirken.

Was nun die eigentlichen Modetrends für 2022 betrifft, die schon über Laufstege – mit und ohne Publikum - geschickt wurden, so brachte man sich in Mailand in Stellung für die Feierlaune der „Roaring Twenties“ und kippte den einen oder anderen (Wodka-)Espresso. In Paris waren starke Auftritte von Kenneth Ize und Christoph Rumpf, zwei Absolventen der „Angewandten“ zu verzeichnen, die großen Maisons fühlten sich ebenfalls sexy und sinnlich, und das Publikum hockte präpandemisch kuschelig bei wichtigen Schauen auf den Zuschauerrängen. Alles also wieder beim Alten? Die Modewelt verspürte zwischendurch offenbar schon große Sehnsucht danach.

Was 2021 wichtig war

Zum Jahresrückblick der „Presse“-Redaktion