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Jahresrückblick

Design 2021: Kreise, die sich schließen

Möbel in der Warteschleife, die Suche nach dem Archaischen und die Designbüros als Ausgabestelle für nachhaltige Gestaltungsprinzipien.

Mit dem Faustkeil hat alles begonnen. Archäologen haben ihn auch schon einmal als ältestes Design-Objekt der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Seitdem ist viel dazugekommen an Dingen. Auch dieses Jahr. Manche haben wir sogar in die Familie aufgenommen: Möbel sind ja unsere besten Freunde. Mit kaum jemandem verbringen wir derart viel Zeit. Und so nah überhaupt. Die einzigen Freunde außer Haustiere bei denen das Social Distancing nicht schlagend wurde. Und es funktioniert mit den Dingen wie in wirklichen sozialen Beziehungen: Manche werden so vertraut, man mag sie gar nicht austauschen. Das Problem: Die Möbelbranche hätte aber gern, dass man sie austauscht. Und deshalb macht sie ständig Vorschläge. In diesem Jahr fehlte dem Business allerdings die Plattformen dazu. Die größten Möbelmessen fielen in diesem Jahr aus, die allergrößte, die Mailänder, rettete sich mit einem neu erfundenen Format, dem „Super Salone“ in die Aufmerksamkeit jener, für die die schönste aller Bescherungen schlichtweg neue Designmöbel sind.

Selbstreflexion

Dafür hatte die Branche durch den von Corona verordneten Pausenmodus Gelegenheit, über ihre eigene Bredouille nachzudenken: Schließlich will man nachhaltig sein, aber Neues verkaufen will man auch. Also muss das Meiste, was jetzt Sofaüberzug oder Gartenstuhl ist vorher zumindest einmal in anderer Form im Meer gewschwommen sein. Oder  zumindest von einer Hochland-Community in einem Land mit viel Hochland gewebt, gemeisselt oder wenigstens in der Hand gehalten worden sein. Oder die Stühle müssen von Menschen gemacht worden sein, die seit 150 Jahren in 20. Generation nichts anderes machen als diese heikle raffinierte Holzverbindung genau so und nicht anders. Außerdem haben die Designhersteller das beste Rezept gegen das Altern gefunden: Sie nehmen die ganz alten Rezepte. Zum Beispiel: Archaisches, weil Kreise bleiben immer jung. Oder sie holen sich Designer als Change-Manager auf den Besprechungstisch, der früher mal ein Esstisch war, weil: Ein Tisch ist alles. Denn auch das Zuhause ist inzwischen „alles“ geworden ist. Vor allem auch Büro. Danke, Pandemie. Danke, Marketing.

Der Designer Stefan Diez hat sich etwa den Leitfaden für Design in der Kreislaufwirtschaft ausgedacht und legt ihn nicht nur in die Werkstätten und Lehrveranstaltungen seiner Klasse an der Universität für Angewandte Kunst. Schon im April 2021 hatte der Müncher die 10 Gebote (apropos archaisch) ausgegeben, auch als Briefing an sich selbst für seine eigenen Designkooperationen mit Möbelherstellern. „Ein gute Produkt ist reparierbar“ lautet etwa ein Punkt. Mindestens. Auch in Österreich beschäftigten sich die kreativen Köpfe mit den Kreisen, den neuen, aber auch damit, wie man aus den alten Kreisen (im Denken vor allem) ausbricht: Besonders Harald Gründl tat sich da im Jahr 2021 wieder hervor, mit dem Social-Design Spin-Off von EOOS, das sich EOOS Next nennt. Nicht nur für die Ausstellung im Rahmen der Vienna Biennale for Change 2021, wo das Studio die Ausstellung „Digital & Circular. Wege in die Kreislaufwirtschaft“ beigetragen hat. Das Institute of Design Research Vienna stellte bei dieser Gelegenheit einige „Circular Design Rules“ auf: als Regelwerk für die Gestaltung kreislauffähiger Produkte. Und bis sich der Markt auch an solche Ideen gewöhnt hat, springen noch zwei neue österreichische Labels in die wenigen Nischen am Markt, die noch bleiben.Und wenn die Online-Vertriebswege die neuen Showrooms sind und die haptischen Berührungspunkte zwischen Mensch und Möbel verlustig gehen, dann kann man sich auch 2021 auf eine Tendenz verlassen: Alles überblendet. Die Lock-Downs haben jedenfalls diese Ahnung beheizt bei jenen, die ohnehin schon letzten Februar unter dem Heizpilz im Schanigarten gesessen sind: Draußen ist das neue Drinnen. Und was das billige Gipsdekor an der Fassade in der Gründerzeit war ist auch heute der vorgehängte Balkon an den Fassaden der Investoren-Architektur. Dort kann man auch im Lock-Down sitzen und sich selbst applaudieren, dass man wieder einen Tag Home-Office geschafft hat, in einem „Home“, das dafür eigentlich nie geschaffen wurde.

Was 2021 wichtig war

Zum Jahresrückblick der „Presse“-Redaktion