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Geschmückter Christbaum
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Erzählung

„Wir alle zusammen sind Weihnachten“

Nachmittags würde Gertrude Vanillekipferl backen, während der Franzl im Kesselwald einen Baum holen sollte. Für eine Mutter bleibt der Bub immer ein Bub, auch mit Ende fünfzig. Franz Wiegeles letzte Weihnachten.

Vor siebenundvierzig Jahren stand Franz Wiegele, einer der wunderbarsten Maler, den dieses Land je hervorgebracht hatte, den Stift in der Hand, in seinem Atelier in Nötsch vor der Staffelei. Das Paar Augen hatte er schon auf das Blatt geworfen, sonst noch nichts. Er fing immer mit den Augen an, mit der Seele, rundherum baute er den Mädchenkörper bis zu den Beinen hinab: die Kontur, die Linie. Die Hedwig war da, die Maria, auch Franzls alte Mutter. Alt fühlte er sich selbst schon, alt und hinfällig, nicht mehr weit bis sechzig.

Er sah fast nichts mehr, trotz aller Künste Purtschers, das rechte Auge tot, die Pupille ein großer schwarzer Knopf, darunter ein kleiner schwarzer Punkt, auch die Sehkraft des linken ließ dramatisch nach. Und jetzt auch noch die Diabetes, diese Geißel! Direkt auf die Augen! Das Augenlicht! Wie sollte das nur alles enden? Lidhygiene hatte ihm Dr. Purtscher bei einer Sitzung empfohlen: „Lidhygiene, lächerlich“, dachte Franz.

Die Katze schmierte ihr Köpfchen an seinem Bein. Draußen war es bitterkalt und tief verschneit. Zumindest sein Atelier konnte er noch beheizen, Holz gab es genug. Aber völlig erblindet würde er nicht mehr leben wollen. Und er dachte: Meine Augen, die von diesen toten Tränen brennen, brennen im Inneren meines Herzens.