Wieviele Klavierkonzerte hat Beethoven komponiert? Soeben erschien eine CD mit den Konzerten Nr. 4 und 6.
Wieviele Klavierkonzerte hat Ludwig van Beethoven komponiert? Angesichts des Titels werden Sie jetzt vermutlich zögern, mit »fünf« zu antworten. Es hätte im übrigen sowieso nicht gestimmt, selbst wenn wir die Titelgebung der jüngsten Beethoven-Aufnahme im Katalog etwas relativiert hätten. Klavierkonzerte Nr. 4 und 6 heißt es da tatsächlich.
Gianluca Cascioli realisiert mit Riccardo Minasi und dessen Originalklang-»Ensemble Resonanz« (für harmonia mundi) eine Gesamtaufnahme der Beethoven-Klavierkonzerte und da darf nun gerätselt werden, ob die CD-Produzenten in diesem Fall nicht nur die bekannten fünf numerierten Konzerte berücksichtigen werden und die Reihe nur um das Sechste vermehren, das tatsächlich exisitert, weil Beethoven sein Violinkonzert für Klavier und Orchester gesetzt hat. Oder ob sie noch ein Konzert Nr. 7 zutage fördern. Das wäre möglich, denn Beethoven hat schon in seinen Bonner Jahren ein Klavierkonzert geschrieben, das im Werkverzeichnis unter den Stücken ohne Opusnummer mit der Nummer 4 aufscheint und gelegentlich als Konzert »Nummer 0« bezeichnet wird. Von diesem immerhin etwa 25-minütigen Werk, das Beethoven im Alter von zwölf Jahren geschrieben hat – und von dem immerhin ein handschriftlicher Klavierauszug überliefert ist – ist bei der Aufzählung der Beethovenschen Konzerte in der Regel ebensowenig die Rede wie unter den Sonaten die frühen, sogenannten »Kurfürsten-Sonaten« erwähnt werden. Also: Wieviel Klaviersonaten hat Beethoven komponiert? – 35! Selbst akribische Beethoven-Pianisten gehen an den Jugendwerken achtlos vorüber . . .
Auch für Originalklang-Skeptiker
Und das »Sechste Klavierkonzert«? Es liegt nun in einer exzellenten Einspielung vor, die auch Verächter der Originalklang-Praktiken mit den vibratolos spielenden Streichern einiges Vergnügen bereiten kann, denn Cascioli und Minasi befleißigen sich eines höchst animierten, prägnant artikulierten Spiels, das kräftige Akzente setzt, wie es sich gehört für ein Konzert, bei dem die Pauken eine entscheidende Rolle spielen! In dieser Version findet sich übrigens auch Beethovens erstaunliche Kadenz, die in diesem Fall nicht nur das Soloinstrument sonder – eben! – auch die Pauke einbezieht; an ihr hat Alfred Schnittke später Maß genommen, um für die Originalfassung des Violinkonzerts eine neue Kadenz für Gidon Kremer zu verfassen.
Was heißt langsam?
Interessant auch – apropos Originalklang – die Tempofrage: Die Aufführungen des Violinkonzerts wurden ja mit der Zeit immer langsamer. Man muß zwar nicht unbedingt die Einspielung mit Jascha Heifetz und Arturo Toscanini als Vergleichswert heranziehen, die tatsächlich sehr rasch ist, aber die Zahlen sind doch beeindruckend: Das genannte Künstlergespann benötigt für den Kopfsatz des Konzerts 21:15 Minuten, Cascioli und Minasi brauchen 24:55 und scheint damit näher bei Anne Sophie Mutter und Herbert von Karajan (26:33) als bei Heifetz/Toscanini. Kühle Rechner könnten nun entgegnen, diese Zahlen seien insofern nicht aussagekräftig, als ja die Kadenzen unterschiedliche Längen hätten. Das stimmt. Also rechnen wir die Musik bis zum Eintritt der Kadenz – da rücken die jüngsten Interpreten eher an die ältesten heran, aber doch sind sie entschieden langsamer:
Heifetz/Toscanini 17:17
Cascioli/Minasi 18:45
Mutter/Karajan: 21:36
Ein Wort noch zum G-Dur-Konzert, von dem es freilich etliche so hervorragende Einspielungen gibt, daß jede neue Konkurrenz fast chancenlos ist. Hier werden wirklich die Originalklang-Freunde mit der Novität ihre Freude haben. Wer’s gern groß und klangvoll hat, sich aber an historischer (also mangelhafter) Klangqualität nicht stößt, also durch alles Knistern und den Mono-Filter hindurch eine wirklich grandiose, ja vollkommenen Interpretation genießen kann, bleibt – apropos Toscanini – bei dessen Live-Mitschnitt mit Rudolf Serkin (Warner). Nie wieder erreicht!