Bravo, Claus Peymann! Schande über den ORF!

Mit wie vielen Jahren soll man in Pension gehen? Mit 60? Mit 65? Warum nicht in der Senatorenklasse mit 80?

Es ist für das Gegengift wieder einmal an der Zeit, Claus Peymann zu loben. Immer wenn ein Jahr sich neigt, trage ich mir in den unschuldigen neuen Tischkalender ein: Peymann darf nicht vergessen werden! Der vorjährige Eintrag für den 5. November 2010 ist nur noch blassblau, gleich neben der mit roter Tinte eingetragenen Notiz: den ORF kritisieren! Für die jüngeren Leser: Peymann hat Handke, Bernhard, Jelinek und das Kosewort „Schangse“ erfunden, seit 25 Jahren kommt kein seriöser Investmentbanker ohne diese aus. Die Wiener lieben Peymann dafür, spätestens seit er das Land vor elf Jahren verlassen hat.

Eine Zeit lang hat Peymann sogar das Burgtheater geleitet, aber das spielt in dieser sozialkritischen Kolumne keine Rolle. Heute wird er dafür gelobt, dass er seinen Vertrag als Intendant des Berliner Ensembles bis 2014 verlängert hat. In vier Jahren wird Peymann seit 77 Jahren im Showgeschäft gewesen sein, und auch dann ist hoffentlich noch lange nicht Schluss, denn die Welt braucht leuchtende Vorbilder wie ihn. Er straft das böse Yuppie-Sprichwort Nur ein toter Pensionist ist ein guter Pensionist Lügen. Der Vorruhestand bleibt diesem sonst so rasch verwienerten Piefke fremd.

Womit wir zum Wesentlichen kommen. Welch früh vergreister Verein ist der Österreichische Rundfunk? Er schickt junge Problembären wie Elmar Oberhauser aus reiner Wehleidigkeit in die kärgliche und machtpolitisch bedeutungslose Frühpension. Oberhauser ist 1947 geboren (da hat Peymann gerade Bert Brecht entdeckt). Heute ist er also erst bescheidene 63. Mit 63 hatte Gerd Bacher seine dritte Amtsperiode als ORF-General noch weit vor sich, da war er noch nicht einmal zum Herausgeber der „Presse“ gereift, sondern nur Berater des deutschen Bundeskanzlers Kohl.

Angesichts dieser Heroen, die leider die Ausnahme sind, muss man sich heute fragen: Was ist los mit den Österreichern mittleren Alters? Warum strecken sie die Patschen so unzeitgemäß früh vor dem Fernseher und seinen kindischen Programmen aus, um als Pensionisten die Welt nur noch sekundär zu genießen? Sind die Einflüsterungen von Andreas Khol und Karl Blecha, diesen Wasenmeistern der Pseudo-Hackler, tatsächlich so attraktiv? Die signalisieren doch mit ihren Ermunterungen zur Ruhe nur: „Das Ende ist nahe!“ Ich nehme meinen Langzeitkalender zur Hand und trage am 7. Juni 2037 ein: Geburtstagswünsche für Claus Peymann nicht vergessen! Kolumne über Paul Hofhaimer einplanen!

E-Mails: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2010)

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