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Kommentare zum Jahreswechsel

Wieder Verlässlichkeit in der völligen Veränderung

Österreich und seine Wirtschaft brauchen wieder mehr Beständigkeit, weniger Hysterie und Aggression und mehr Vernunft.


Die beiden vergangenen Jahre haben es – leider – mit Sicherheit in die Geschichtsbücher geschafft, 2022 wird wohl auch noch im selben Kapitel landen. Was als kurzfristig wahrgenommene Gesundheitskrise begann, wurde zu einer mittelfristigen Veränderung vieler unserer Lebensgewohnheiten und wird langfristig hoffentlich unsere Resilienz erhöht haben, um ein Modewort für gute alte Widerstandsfähigkeit zu verwenden. Trotz Terroranschlägen und Finanzkrise besonders in Europa erscheinen die drei Jahrzehnte hinter uns im Rückspiegel freundlicher und entspannter. Das gilt für viele Länder, aber speziell auch für Österreich.

Fast alle Länder waren mit der Pandemie andauernd beschäftigt, manche schlugen sich besser, andere schlechter. Wirklich gut war und ist diese Krise offenbar nicht zu meistern. In Österreich wurde zwar besser getestet, dafür aber der Lockdown als Ultima Ratio erlassen, weil die Ratio mitunter fehlte.

Es ist wichtig, in den kommenden Monaten nicht wieder die alten Fehler zu begehen. Soll heißen: Bitte keine Heils- und Endverkündigungen, Virus und Maske bleiben. Statt auf das Licht am Ende des Tunnels zu warten, hätte man ebendiesen längst besser beleuchten sollen. Wegen Omikron müssen wir da durch, egal ob mittels Verzögerung des Infektionsgeschehens oder durch Herdenimmunisierung mit Kollateralschäden. Österreich wählte bisher Zuckerbrot und Peitsche als Methode. An der Eigenverantwortung müssen noch viele arbeiten.
In Österreich ist der ohnehin nur hierzulande gefeierte Nimbus, man wäre in fast allen Kategorien Meister, endgültig perdu. Wir waren trotz des besten Gesundheitssystems und -personals leider auch nicht besser als vergleichbare Staaten. Doch was das Land – wieder leider – unterscheidet, ist ein toxischer Cocktail. Zur Pandemie gesellen sich echte und behauptete Korruption, dazugehörige Chats und ein mittlerweile abgetretener Bundeskanzler Kurz, dessen Anhänger und Feinde in einen zumindest rhetorischen Bürgerkrieg zogen. Österreich ist bekannt für seine dick-derb-süßliche eigene Suppe, in der fast alle seine Proponenten so gern kochen, auch und gerade jene, die das immer nur bei den anderen beobachten.

Mit Karl Nehammer und seiner schwarz-grünen Regierung scheint nun so etwas wie Normalität und Unaufgeregtheit zurückgekehrt zu sein. Vielleicht brauchen wir endlich wieder den politisch unauffälligen Durchschnitt, den ein eigentlich braves, durchschnittliches Land verdient. Denn in einer Kategorie ist Österreich besser als viele andere Länder: Die Wirtschaft, Industrie und die Unternehmer leisteten auch während dieser Krise Enormes. Es ist die eigentliche Kernaufgabe einer Regierung, sie dabei zu unterstützen, oder noch besser: sie nicht zu behindern.
Dafür ist eine Eigenschaft notwendig, die zuletzt unter die Räder gekommen ist: Verlässlichkeit. Absurd, aber wahr: Gerade in einer Krise wie der Pandemie, aber noch viel stärker in jener des brandgefährlichen Klimawandels, müssen die Leitplanken für alle klar erkennbar sein. Es mag verständlich sein, dass der Staat mit neuen Steuern, mehr Geld für die Staatsbahn und günstigen Tickets sowie der Hoffnung auf grüne Innovation aus der Wirtschaft gegensteuert. Der große Wurf ist das noch nicht.Wirtschaft und Bevölkerung können auch mit unangenehmen Maßnahmen gegen alle Krisen leben und arbeiten, aber diese müssen klar definiert sein und dürfen nicht über Nacht willkürlich verändert werden. Was heute gilt, muss auch übermorgen gelten. Wenn man das nicht zu 95 Prozent sagen kann, sollte man die politisch schwierigste Übung wagen: schweigen.

Österreich stand immer für Beständigkeit, Sicherheit und Verlässlichkeit. Das wäre in Krisenzeiten noch viel stärker gefragt. Das erwarten wir wieder. Von der Regierung, der Opposition, den Institutionen, von allen. Die aggressiv-hysterischen Töne müssen endlich wieder weg.

E-Mails an: rainer.nowak@diepresse.com