Chinas Angst vor Widerspruch wird immer bizarrer.
Chinas Führung hätte einigen Grund, etwas gelassener zu agieren. Die internationale Finanzkrise hat dem Land nichts anhaben können, die Wirtschaft steht weiter unter Volldampf. „Forbes Magazine“ wählte dieser Tage Hu Jintao, den Präsidenten des turbokommunistischen Reichs der Mitte, gar zum mächtigsten Mann des Planeten.
Und trotzdem reagiert das Regime auf geradezu paranoide Weise nervös auf jede kleinste politische Unbotmäßigkeit. Seitdem der Dissident Liu Xiaobo mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet wurde, verstehen die KP-Granden gar keinen Spaß mehr. Am Freitag ließen sie den international bekannten Künstler Ai Weiwei unter Hausarrest stellen, weil er es gewagt hatte, einem Happening gegen den Abriss seines Studios in Shanghai einen subversiven Namen zu geben. Wovor haben sie Angst? Dass ein Aktionist, der einen tonnenschweren Stein aus China auf den Dachstein bringen kann, auch die chinesische Führung aus den Angel heben könnte?
Bizarrer und plumper noch wirken die Einschüchterungsversuche gegen europäische Staatenvertreter, die unter Androhung obskurer Strafen davor gewarnt werden, an der Nobelpreisverleihung für Liu Xiaobo teilzunehmen.
Wer Menschenrechte über staatliche Souveränität stelle, gefährde Frieden und Menschenrechte, hieß es in einem Kommentar, den Chinas Botschaft in Berlin verbreitete. Präziser hätte ein autoritäres System seine Orwell'sche Widersprüchlichkeit und Menschenverachtung kaum zusammenfassen können. Auch erfolgreiche Diktaturen kennen keine Gelassenheit.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2010)