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Dolmetsch: Mit Händen, Kopf und Körper

Dolmetsch Haenden Kopf Koerper
(c) Michaela Bruckberger
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Als Hörender zwischen Worten und Gebärden vermitteln lernen. Als Gehörloser studieren. Absolventen sind auf beiden Seiten gefragt.

Auch wenn sich die Lage der rund 10.000 gehörlosen und der mehreren Tausend hochgradig schwerhörigen Menschen in Österreich in den letzten Jahren etwas gebessert hat, sind sie nach wie vor von vielen Bereichen des öffentlichen Lebens und des Alltags ausgeschlossen. Die Ursache für diesen Nachteil liegt in erster Linie in den Kommunikationsproblemen mit der hörenden Mehrheit. Eine dementsprechend wichtige Rolle bei der Vermittlung zwischen den beiden Gruppen kommt daher Gebärdensprachdolmetschern zu. Von denen es zusehends mehr gibt, zumal einschlägige Ausbildungen sich wachsender Beliebtheit erfreuen.

„Gehörlose kämpfen mehr und mehr um ihre Rechte“, erklärt Barbara Gerstbach, Präsidentin des Österreichischen Gebärdensprach-Dometscher-Verbands (ÖGSDV), den steigenden Bedarf an Vertretern ihres Berufsstandes. Tatsächlich setzten immer mehr öffentliche und private Organisationen und Unternehmen teils durch den Druck der Betroffenenorganisationen und der gesetzlicher Vorgaben auf Gebärdendolmetscher.

Laut dem Behindertengleichbehandlungsgesetz müssen Arbeitgeber, die Gehörlose eingestellt haben, für die Sicherstellung der Kommunikation Sorge tragen. Viele Unternehmen sehen darin mittlerweile auch ein Service für ihre Mitarbeiter und Kunden, wie zum Beispiel der heimische Onlinewettanbieter bwin, bei dem Gebärdensprachdolmetscher die jährliche Hauptversammlung begleiten – „um alle Investoren erreichen zu können“, sagt Konrad Sveceny, Head of Investor Relations.

 

Deutsche Grammatik ist keine Hilfe

In Österreich gibt es laut Gerstenbach drei Wege, um Gebärdensprachdolmetscher zu werden: die Absolvierung einer Fachausbildung „Gebärdensprachdolmetschen“, eines Masterstudiums oder der vom ÖGSDV angebotenen Seminarreihe „AchtungFertigLos“. Danach kann man noch die Berufseignungsprüfung abschließen.

Seit dem Wintersemester 2002/03 bietet das Institut für theoretische und angewandte Translationswissenschaft (ITAT) der Karl-Franzens-Universität Graz ein Studium für Gebärdendolmetschen an, das im Vorjahr neu strukturiert wurde. Die Absolventen des dreijährigen Bachelorstudiums „Transkulturelle Kommunikation“ sind jetzt dazu berechtigt, das zweijährige Masterstudium „Dolmetschen und Übersetzen“ aufzunehmen. Rund fünf Studenten werden jedes Jahr an der Uni Graz mit ihrer Ausbildung fertig, wie die stellvertretende Institutsleitern Nadja Grbic erklärt – die Tendenz sei steigend.

Viele würden allerdings die Schwierigkeit des Studiums unterschätzen. Denn die Österreichische Gebärdensprache, die erst 2005 in der österreichischen Bundesverfassung als eigenständige Sprache anerkannt wurde, sei völlig anders strukturiert und nicht an die geschriebene Sprache angelehnt. Grbic erklärt: „Sie hat mit der herkömmlichen deutschen Grammatik nichts zu tun.“

Was für eine große Herausforderung es für Hörende tatsächlich bedeuten kann, die Gebärdensprache zu erlernen, führt eine US-Studie vor Augen. Sie hat ergeben, dass es einem britisch-englischen Native-Speaker genauso schwer fällt die amerikanisch-englische Gebärdensprache zu lernen wie Arabisch. Das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass der Körper – sprich Kopf und Oberkörper – zur Artikulation mit eingesetzt werden, den Inhalt quasi präzisieren.

„Das passiert allerdings nicht nur sequentiell wie in gesprochenen und geschriebenen Sprachen, sondern viele sprachliche Inhalte werden simultan kommuniziert“, so Grbic. So könne etwa gleichzeitig ein Verb und ein Adverb gebärdet werden – wie beispielsweise „gelangweilt lesen“. Das Gebärdenzeichen für „lesen“ wird hier einfach um einen gelangweilten Gesichtsausdruck ergänzt.

 

Bildungsbarriere durch alten Beschluss?

Zu den größten bestehenden Barrieren für Gehörlose zählt laut Experten ihre Bildungssituation. „Das Problem ist, dass die Österreichische Gebärdensprache in der Ausbildung gehörloser Kinder nicht verpflichtend ist“, so Gerstbach. Nach wie vor würden die am zweiten internationalen Taubstummen-Lehrer-Kongress von 1880 in Mailand beschlossenen Resolutionen nachwirken, die festsetzten, dass als Unterrichtssprache der Lautsprache der Vorzug zu geben ist. Als direkte Folge wären wichtige Lehrinhalte auf der Strecke geblieben und viele gehörlose Kinder von einer höherwertigen Ausbildung ausgeschlossen, sprich „ins so genannte Hilfsarbeitereck geschoben“, wie Gerstbacher erklärt.

Gehörlosenvertreter wie die Nationalratsabgeordnete Helene Jarmer und Bildungsexperten machen sich dagegen für einen bilingualen Schulunterricht stark, bei dem die Österreichische Gebärdensprache Unterrichtssprache ist und parallel dazu die Laut- und Schriftsprache vermittelt wird.

 

Zuschuss und Hilfestellung

In Österreich studieren derzeit rund 15 gehörlose Studenten an den Fachhochschulen und Universitäten. Dass ihre Zahl nicht größer ist, liegt mitunter auch an den begrenzten finanziellen Mitteln, die zum Dolmetschen der Lehrveranstaltungen zur Verfügung stehen. Rund 450 Euro pro Monat bekommen gehörlose Studenten für den Fall, dass ihr Antrag vom Fonds Soziales Wien (FSV) bewilligt wird. Das gehe sich gerade einmal für eine Vorlesung im Semester aus, berichten Betroffene.

Es gibt Projekte, die helfen sollen, die Barrieren abzubauen. Dazu gehört jenes wie „Gehörlos Erfolgreich Studieren an der TU Wien“ (GESTU). Konkret bekommen dabei acht Studenten über die zweijährige Laufzeit Dolmetscher, Tutoren und Mitschreibkräfte zur Verfügung gestellt. Und in einer eigenen Servicestelle werden die Studenten darüber hinaus in Gebärdensprache beraten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2010)