So wirr, wie es war, hat sich das Musikjahr 2021 auch verabschiedet. Die Silvester-Aktivitäten in den Metropolen, die man via Livestream mitverfolgen durfte, hätten unterschiedlicher nicht sein können.
Da war, um lokalpatriotisch zu beginnen, eine solide „Fledermaus“-Aufführung an der Wiener Staatsoper, vor Publikum, aber um die übliche Ball-Einlage berühmter Sängerstars reduziert. Um 22 Uhr war ja diesmal coronagerecht die Sperrstund’ angesagt. Maestro Bertrand de Billy ließ sich dennoch nicht hetzen. Zwar hatte, rückwirkend betrachtet, „seine“ Ouvertüre mehr Pepp als die, die anderntags gegen Mittag im Neujahrskonzert unter Daniel Barenboim erklingen sollte, aber wie Barenboim kostete de Billy vor allem einmal die philharmonischen Möglichkeiten in Sachen Johann-Strauß-Klang liebevoll aus.
Und die Sängerriege mit alten Bekannten von Clemens Unterreiner bis Wolfgang Bankl, wurde diesmal angeführt von zwei stimmlich exzellenten - optisch allerdings allzu ungleichen - Damen, nämlich Rachel Willis-Sørensen als einer auch vokal imposant auftrumpfenden, auch von den Tücken des Csárdás nicht zu irritierenden Rosalinde und Vera Lotte Boecker, die vor allem in ihrer Selbstdarstellungs-Szene im dritten Akt alle Register stimmlicher und szenischer Schaustellerei zog.
"Siegfried Eisenstein"
Dass der Abend etwas von der Selbstverständlichkeit austriakischer Operettenkunst vermittelte, lag freilich nebst der um einige nicht wirklich witzige „aktuelle“ Zoten angereicherten Verkörperung des Frosch, den zum zehnten Mal en suite Peter Simonischek gab, auch an Andreas Schagers Eisenstein.
Es mochte manchen internationalen Musik-Kenner verblüfft haben, dass dem derzeit gesuchtesten Tristan oder Siegfried das scheinbar leichte Genre wirklich leicht fällt. Kenner freilich wissen, dass der Tenor, als er noch Schagerl hieß, genau in diesem Fach brillierte. Sie wunderten sich daher nicht, dass da jede Pointe punktgenau serviert wurde, als hätte Otto Schenk seine alte Regiearbeit tatsächlich noch einmal selbst aufgefrischt. Fein jedenfalls, dass die „Fledermaus“ von der szenischen Erneuerungs-Kampagne im Haus am Ring vorerst noch ausgenommen zu sein scheint.
Wien und Berlin
Wienerisch sollte es nach dem Willen von Chefdirigent Kirill Petrenko am Silvesterabend diesmal auch bei den Berliner Philharmoniker zugehen, wenn auch auf raffinierte Weise. Doch Petrenko wurde krank und musste an Lahav Shani abgeben, der prompt die Programmfolge ein wenig veränderte und damit aus der wienerischen Waage brachte. Die Fragmente aus Richard Strauss’ Ballett „Schlagobers“ fielen aus. Geblieben war Ravels „La Valse“, der atemberaubende symphonische Tanz vor dem Abgrund - die Ahnungen der bevorstehenden Katastrophe des Ersten Weltkriegs inspirierten den Komponisten zu einem tönenden Pandämonium, das dann nicht, wie geplant „Wien“ heißen durfte. Denn die Stadt lag ja aus Pariser Perspektive im Feindesland . . .
20er-Jahre in Dresden
Ganz akkurat nach dramaturgischem „Zwanzigerjahre“-Plan verlief hingegen der Silvester-Nachmittag in der Dresdner Semperoper. Allerdings durfte dort kein Publikum anwesend sein. Dafür legten sich die Sächsische Staatskapelle, ihr Chefdirigent Christian Thielemann und die „hauseigene“ Tanzkapelle mit voller Verve auch für Operetten-Arien und Revue-Lieder von Lehár, Abraham, Benatzky, Heymann und Co (gesungen von der stilecht tief-dekolletierten Hanna-Elisabeth Müller und dem behutsam falsettierenden Simir Pirgu) ebenso ins Zeug wie für George Gershwins „Rhapsody in Blue“, für die man Igor Levit als Solisten gewinnen konnte, den 2021 wohl meistdiskutierten Pianisten.
Levit, Thielemann: Gershwin!
Das war dann im feinen musikalischen Ganzen eine besondere Gemme, denn Levit, von Thielemann einfühlsam auf Händen getragen, liebt seinen Gershwin extra dry - und das ist so riskant wie aufregend: Man hört da nämlich alles; und das bedeutet bei einem dermaßen anspruchsvollen Stück nicht nur stilistisch, sondern vor allem auch technisch die Nagelprobe. Kein Problem für Igor Levit: Der Livemitschnitt dieser Wiedergabe durch zwei der allergrößten Musiker unserer Zeit, steht für viele vermutlich bald auf der Allzeit-Bestenliste.
Ein kräftiges musikalisches Lebenszeichen also, im letzten Moment eines, sagen wir, „durchwachsenen“ Jahres...