Das Neujahrskonzert

Daniel Barenboim dirigierte zum dritten Mal das Neujahrskonzert
Daniel Barenboim dirigierte zum dritten Mal das NeujahrskonzertAPA/DIETER NAGL
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Mit Bedacht geleiteten unsere Philharmoniker uns unter Daniel Barenboims Leitung ins neue Jahr.

Wäre hier nur eine Musikkritik zu schreiben, dann gäbe es allerhand Erfreuliches zu berichten. Daniel Barenboim hat zum dritten Mal eines der Neujahrskonzerte der Wiener Philharmoniker dirigiert. Im Vorfeld hatte er gemeint, diese Musik sollte immer so klingen, als würden die Musiker sie jetzt gerade komponieren. Eine Art orchestrale Improvisation also. Andererseits meinte Philharmoniker-Vorstand Daniel Froschauer, der Maestro hätte ziemlich akribisch probiert.

Wie das zusammengeht, war am akustischen Ergebnis zu studieren: Das mit dem Improvisatorischen gelang in manchen Momenten sehr gut. Vor allem aber war zu hören, dass Barenboim in Sachen Rhythmus tatsächlich auf den genetischen philharmonischen Code vertraute. Dafür hatte er ganz eindeutig in Sachen Dynamik und Artikulation allerhand erzählt, was zu höchst differenzierten, also in der Realität raren Klängen in wohlbekannten Walzer- und Polka-Melodien führte. Selbst in Joseph Strauß’ abschließenden „Sphärenklängen“, bei denen die Wiener Connaisseurs spätestens seit Herbert von Karajans singulärem Neujahrsauftritt anno 1987 besonders empfindlich sind, sorgte Barenboim für ungewöhnlich weich gepolsterte Klanggebung, ohne dass die Musik dabei an Saft und Kraft eingebüßt hätte. Man kann ja auch im Pianissimo Akzente setzen.

In gemessenem Tempo

Über so viel Nuancierungsarbeit schien an diesem 1. Jänner in den Stücken in gemessenem Tempo oder auch in der „Fledermaus“-Ouvertüre hie und da die Energetik verlorenzugehen. Dafür wurden sich die Schnellpolkas ihrem Namen gerecht und klangen nicht gehetzt. Auch das ist eine Qualität, über dem symphonischen Anspruch den Charakter der Tanzmusik nicht zu verraten.

Dieserart hörte man nicht nur bekannte Nummern wie die „Phönixschwingen“ oder die „Morgenblätter“, sondern auch Neujahrs-Novitäten wie Hellmesbergers „Kleinen Anzeiger“ oder Ziehrers „Nachtschwärmer“ mit Gewinn. Nicht nur, weil bei letzteren sogar sehr sauber gepfiffen und gesungen wurde. Kaum bekannt auch Josef Strauß’ „Nymphenpolka“, zu deren Klängen bei der TV-Übertragung die Lipizzaner artige Beinarbeit sehen ließen.

Im Lipizzaner-Takt

Womit wir bei der Optik wären, die in diesem Fall nicht minder bedeutsam ist als die akustische Komponente. Da bewegten sich die automatischen Kameras im großen Musikvereinssal diesmal vielleicht ein wenig zu hektisch über den Köpfen des Covid-bedingt nur im Parkett zugelassenen Publikums. Das stand - oder besser: schwirrte in seltsamem Kontrast zur sorgfältig ausgefeilten Musik. Mit deren Bedächtigkeit harmonierten Martin Schlaepfers harmlose Ballett-Einlagen eher als die unruhige Visualisierung des realen Konzertgeschehens.

2023 wird Franz Welser-Möst am Neujahrs-Pult stehen. Auch er - wie Barenboim - zum dritten Mal in seiner Karriere.

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