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Mein Dienstag

Pandemie-Normalität

Zwei Jahre Pandemie und mehrere Lockdowns haben Spuren hinterlassen – auch in unserem Denken.Die Presse/Clemens Fabry
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Kaum zu glauben, was mittlerweile als Normalzustand akzeptiert wird.

Drei Geschichten, die sich alle im vergangenen Monat zugetragen haben: Eine ältere Frau will in einem Innenstadtrestaurant mit ihrem Sohn frühstücken. Sie zeigt ihr gültiges Impfzertifikat vor, hat aber keinen Ausweis dabei. Dass sich ihr Sohn ausweisen und die Identität seiner Mutter bestätigen kann, reicht nicht. Sie müssen wieder gehen und nehmen die Entscheidung der Kellnerin ebenso gleichgültig zur Kenntnis wie zahlreiche Gäste, die alles mitbekommen.

Jemand vereinbart einen Termin in einem Büro, das nur mit einem tagesaktuellen negativen Test betreten werden sollte, unabhängig vom Impfstatus. Am Tag des geplanten Besuchs verzögert sich die Zusendung des Testergebnisses, der zuletzt durchgeführte ist schon zwei Tage alt. Als wäre es das Normalste der Welt, beschließen zwei dreifach geimpfte Kollegen, einander nicht zu treffen, obwohl das Gespräch mit FFP2-Maske und Sicherheitsabstand stattgefunden hätte.

Ein dreifach geimpfter junger Mann wird positiv getestet und muss in 14-tägige Quarantäne mit der Möglichkeit, sich nach zehn Tagen freizutesten. Seine ebenfalls dreifach geimpfte Schwester verbrachte am Tag zuvor einen Abend bei ihm, die beiden sahen einen Film, „The Power of the Dog“. Sie wird als Kontaktperson der Kategorie eins eingestuft und begibt sich in zehntägige Quarantäne, ein Freitesten ist nach fünf Tagen möglich. Beide fallen fünf bzw. zehn Tage in ihren Berufen (jeweils ohne Kundenkontakt) aus, weil sie nicht von zu Hause aus arbeiten können – bis ihre Tests negativ ausfallen und sie die Quarantäne beenden. Die ganze Zeit über haben sie nicht die geringsten Symptome. Weder sie noch ihre Familien noch ihre Vorgesetzten äußern nennenswerten Unmut über dieses Prozedere.

Drei Beobachtungen, die repräsentativ sind für das, was die Pandemie mit uns gemacht hat. Mit unserer Kreativität, unserer Toleranz, unserer sozialen Intelligenz. Die Coronakrise stellt unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt auf die Probe. Irgendwann werden wir gestärkt aus ihr hervorgehen. Und mit Kopfschütteln auf so manches Verhalten zurückblicken. Gutes neues Jahr.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com