Ganz ohne Samthandschuhe

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Junge Wiener Architekturbüros diskutieren einmal im Monat im "Fightclub" ihre aktuellen Arbeiten. Dabei ist der Club kein Streichelzoo, sondern eine faire Auseinandersetzung, bei der alle Teilnehmer gewinnen.

Werden die Kollegen – was selten vorkommt – in Begeisterung ausbrechen, oder werden sie die Entwürfe in der Luft zerreißen – was nie ganz auszuschließen ist? Wer im „Fightclub“ eines seiner aktuellen Bauprojekte herzeigt, muss durchaus mit heftigen Reaktionen rechnen. „franz“-Architekt Erwin Stättner schildert, wie er einmal bei der Präsentation für ein Einfamilienhaus heftige Kritik ausgefasst hat. Nicht etwa der großen Idee wegen gingen die Wogen bei den Teilnehmern in der „Fightclub“-Runde hoch, nein, „sondern bloß, weil ich eine Stiege nicht so architektenmäßig geplant habe. Das ging eben gar nicht.“

Jeden letzten Freitag im Monat trifft sich ein harter Kern von jungen Wiener Architekturbüros an wechselnden Bürostandorten, um sich ihre aktuellen Arbeiten gegenseitig zu zeigen und zu diskutierten: „Voraussetzung ist, dass die Projekte aktuell und nicht abgeschlossen sind“, erklärt Markus Bösch von „YF architekten“. Da werden dann Erschließungswege auseinandergenommen, Fassaden seziert und versetzt, Konzepte und Kosten genau hinterfragt, handfeste Argumente für ihre Machbarkeit eingefordert. Und da passiert es eben auch, dass sich Kollegen untereinander „den Finger in die Wunde legen und Schwächen aufzuzeigen“, wie es Robert Diem von „franz“ beschreibt.

Ihr „Fightclub“ ist kein Streichelzoo, in dem sich alle mit Samthandschuhen anfassen. „Nur keine falschen Höflichkeiten, man muss die Wahrheit sagen“, erklärt Stättner. „Die Diskussionskultur ist nicht sehr schonend“, umschreibt es Bösch. „Es geht nicht darum, die Dinge schönzureden.“ Sonst bringe es nichts. Schließlich ginge es darum, durch das gegenseitige Feedback die laufenden Projekte und Wettbewerbsbeiträge zu optimieren, Schwachstellen zur erkennen, Ideen zu schärfen.

„Es ist ein bisschen wie vor Gericht. Es gibt einen Ankläger und einen Verteidiger, und am Ende muss man die Argumente abwägen“, erklärt Diem, der mit Stättner vor zwei Jahren dieses Austauschritual angeworfen hat.

„Fightclub“ klingt martialischer, als es dann tatsächlich abläuft: Man setzt sich Freitagabend gemeinsam an einen großen Tisch, bewaffnet höchstens mit Argumenten und Ideen. Es wird gegessen und getrunken. Die Teilnehmer bringen ausgewählte Arbeiten und manchmal Fragen, mitunter auch Zweifel mit. Bei all der ernsthaften Diskussion über Skizzen, Pläne, Renderings und Modelle von großvolumigen Projekten wie auch kleinsten Räumen sind solche Runden nicht nur fachlich ergiebig. Es ist auch gemütlich, lustig. Es wird kritisiert, aber auch gelacht. Nicht selten brütet man bis um zwei Uhr in der Früh über Lösungen und findet Ideen, wie man einen Wettbewerbsbeitrag, ein laufendes Bauprojekt, einen Entwurf noch besser, radikaler machen könnte.

Manche in der Runde kennen sich bereits vom Studium an der TU Wien, aus unterschiedlichen Architekturbüros, in denen man gearbeitet hat. „Wir sind in etwa eine Generation, seit Kurzem selbstständig, haben eine ähnliche Biografie“, sagt Diem. „Und haben vor allem eine ganz ähnliche Anschauung von Architektur“, sagt Harald Höller von „SUE Architekten“, „da sitzen keine Leute, die nur Projekte abwickeln.“


Kritische Sicht von außen. Die Idee, sich regelmäßig mit Kollegen aus anderen Architekturbüros zusammenzusetzen, entstand aus dem Bedürfnis nach einem kritischen Gegengewicht. Ursprünglich waren „franz“ zu dritt: Diem, Stättner und eine dänische Kollegin, die aber nach London emigrierte. „Wir beide sind oft ähnlicher Meinung. Es war die Kollegin, die einen anderen Aspekt hereingebracht hat“, sagt Stättner. Ein Vorteil und zugleich eine Herausforderung, wenn sich zum Beispiel zwei über eine Wettbewerbsidee gänzlich einig sind und der Dritte dann plötzlich „so aber nicht“ sagt. „Dadurch wird eine Arbeit aber besser“, meint Diem.

Andere würden sich vielleicht bereits an diesem Punkt mit einem Konsens zufrieden geben. „franz“ hingegen begann, die Außenperspektive zu vermissen. Nun haben sie die fehlende Gegenposition mit dem „Fightclub“ besetzt. Und sich die Möglichkeit offengelassen, dass in Zukunft nicht nur andere Architekturbüros, sondern auch einmal Branchenexterne daran teilnehmen.

Wie steht's mit dem Konkurrenzdenken in einer an Eitelkeiten nicht gerade armen Branche? Manche Büros, die im Mail-Verteiler stehen, kämen eben nie, erzählen „franz“. Die Konsequenzen, die die Teilnehmer aus den kritischen Runden ziehen, sind unterschiedlich. Marion Gruber von „plov“ etwa sieht durch die Kritik ihren Ehrgeiz angestachelt – nach dem Motto: „Jetzt zeigen wir's ihnen“ freut sie sich darauf, das Projekt im nächsten Stadium noch einmal am Tisch zu diskutieren. Die Bereitschaft, Anregungen anzunehmen hängt auch davon ab, wie überzeugt man vom Projekt vorher schon war. Manchmal könne man schon stur sein, wie Bösch und Stättner bestätigen. Doch meistens hat die Meinung der Architektenkollegen Einfluss auf die eigene Arbeit. „Wenn das gar nie passieren und gar kein Nachdenkprozess losgetreten würde, dann wär's sinnlos.“ Nicht immer geht es in den „Fightclub“-Abenden um Architektur, manchmal auch um das Atelier, die Mitarbeiter und andere Themen. Dann wird der Ton im Ring ganz zahm.

Ort & Termin: Jeden letzten Freitag im Monat treffen sich Architekten zum „Fightclub“, der in wechselnden Büros stattfindet. Anmeldung: office@franz-architekten.at

Teilnehmer: Den harten Kern bilden vier junge Wiener Architekturbüros, andere nehmen fallweise teil. Der „Fightclub“ ist kein exklusiver Zirkel, sondern offen für andere Bereiche und interessiert an Personen, die sich in Projekte inhaltlich einbringen (Pädagogen, Soziologen, Raumplaner...).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2010)


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