Bei der renommierten Rundfunkanstalt BBC wird gestreikt. Die Mitarbeiter wehren sich wegen eines Streits um die Rente. Das könnte hierzulande beim ORF nicht so leicht passieren.
Millionen Radiohörer warteten am Freitag in Großbritannien vergeblich auf die aktuelle Ausgabe der Sendung „Today“ auf BBC4. Stattdessen bekamen sie Konserven-Kost. 4000 Mitglieder der National Union of Journalists traten für 48 Stunden in den Ausstand. Weitere Streiks sind angekündigt. BBC-Chef Mark Thompson wiegelt ab. Es gebe kaum Auswirkungen auf das Programm. Prominente Journalisten seien nicht unter den Streikenden.
Grund der Auseinandersetzung: Auch die vorwiegend durch Gebühren finanzierte British Broadcasting Corporation muss sparen. Die konservativ-liberale neue Koalitionsregierung schreibt der Anstalt vor, dass sie die Gebühren innerhalb der nächsten sechs Jahre nicht erhöhen darf. Das bedeutet geschätzte 16 Prozent Verlust (nach Inflation). Die BBC will deshalb die Pensionen deckeln und das Rentenalter von 60 auf 65 Jahre hinaufsetzen. Das Defizit in der Pensionskasse beträgt bereits 1,5Milliarden Pfund – Tendenz steigend.
Länger arbeiten, mehr einzahlen, weniger Pension bekommen – das ist das Schicksal vieler später Babyboomer. Nicht einmal die meist privilegierten Mitarbeiter in staatlichen Rundfunkanstalten sind davor gefeit. Zeitgleich wie die BBC meldet auch die staatliche italienische Rundfunkanstalt RAI erstmals ernsthafte Sparpläne: kein neues Personal mehr, keine Gehaltserhöhungen, weniger Aufwand, zum Beispiel bei Reisen. Das ist auch dringend nötig. Das Defizit der RAI wird bis Ende des Jahres wahrscheinlich mindestens 120 Millionen Euro betragen. Das Minus könnte sich bis 2012 sogar verfünffachen, wenn nicht drastisch gespart würde. Bei einem Umsatz des Großkonzerns (24 TV-Stationen, neun Radiosender) von 3,2 Milliarden Euro scheint allerdings noch Spielraum gegeben zu sein. Im Notfall sind sogar Privatisierungen denkbar.
Selige Insel ORF. Und hier bei uns in Bagdad? Wird saniert, indem man Spitzenkräfte in obszön frühe Frühpension schickt, und Bossen, die nicht in die derzeitige politische Landschaft passen, den Abgang vergoldet. Willfährigen aber erleichtert man schlechtes Wirtschaften mit Geschenken fürs Budget. 2009 sicherte die Politik dem braven ORF unter Generaldirektor Alexander Wrabetz 160 Millionen Euro Refundierung zu. Streiken? Aber wo!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2010)