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Film

"Drive My Car": Reden, bis das Leben Sinn macht

Kommunikation auf Abstand: Yūsuke (Hidetoshi Nishijima) und Misaki (Tōko Miura) in Ryûsuke Hamaguchis „Drive my Car“.
Kommunikation auf Abstand: Yūsuke (Hidetoshi Nishijima) und Misaki (Tōko Miura) in Ryûsuke Hamaguchis „Drive my Car“.(c) Polyfilm
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Ryûsuke Hamaguchi ist Japans jüngster Stern am Kunstfilmhimmel. Zwei seiner Arbeiten, „Drive My Car“ und „Wheel Of Fortune and Fantasy“, sind derzeit im Kino zu sehen.

Die Wege des zeitgenössischen Kunstfilmbetriebs sind oft unergründlich. 2017 war der japanische Autorenfilmer Ryûsuke Hamaguchi kaum über einen kleinen Kreis von Cineasten hinaus bekannt. Fünf Jahre später laufen seine Arbeiten in Europas Programmkinos, und Japan hat deren jüngste, das Beziehungsdrama „Drive My Car“, zum Kandidaten für den Auslandsoscar gekürt. Dabei entspricht das Schaffen Hamaguchis weder dem Gefälligkeitsgebot des Arthouse-Mainstreams noch dem Pathosanspruch der Academy Awards: Es setzt sich zusammen aus gemessenen, feingeistigen Studien zwischenmenschlicher (Fehl-)Kommunikation – und ist formal dezidiert zurückhaltend. Bei einer gut geölten Spannungsmaschine wie Bong Joon-hos Oscar-Sensation „Parasite“ erschließt sich die globale Anschlussfähigkeit unmittelbar; bei einem dreistündigen, metafiktionalen Leisetreter wie „Drive My Car“ weniger.

Doch wozu hinterfragen, was uns Grund zur Freude gibt? Denn Hamaguchis filigrane Handschrift bringt begrüßenswerte Abwechslung ins Arthouse-Einerlei. Freilich ist der 43-jährige Regisseur nicht vom Himmel gefallen. Seine ersten filmischen Gehversuche bestritt der einstige Literaturstudent schon 2003 mit Amateurproduktionen auf 8-mm-Material. Nach einer Filmausbildung in Tokyo (unter anderem beim renommierten Genrepoeten Kiyoshi Kurosawa) drehte er seit 2008 mehrere Spiel- und Dokumentarfilme, deren Rezeption weitgehend auf seine Heimat beschränkt blieb. Der internationale Durchbruch kam 2015 mit der Einladung von Hamaguchis fünfstündigem Frauenporträt „Happy Hour“ nach Locarno (und im Anschluss auch zur Viennale). Seine nächsten drei Filme liefen im Wettbewerb von Cannes und Berlin und wurden dort mit Preisen bedacht. In Interviews darauf angesprochen, zeigte sich Hamaguchi selbst überrascht vom abrupten Erfolgsschub.

Sprache als Hilfsmittel und Hindernis

Doch bei näherer Betrachtung eignet diesem eine gewisse Stimmigkeit. Schließlich geht es in Hamaguchis Filmen um die vertrackten (und oft vergeblichen) Versuche von Menschen, eine direkte emotionale Verbindung zueinander herzustellen – ein Motiv, dass unsere zusehends in digitale Scheinwirklichkeiten abgleitende Welt auch vor dem Corona-Distanzzwang beschäftigt hat.

Sprache ist bei Hamaguchi gleichermaßen Hilfsmittel und Hindernis bei der Überwindung zwischenmenschlicher Barrieren. So reden der Theatermacher Yūsuke (Hidetoshi Nishijima), Hauptfigur von „Drive My Car“, und seine beim Fernsehen beschäftigte Frau Oto im Alltag meist freundlich aneinander vorbei. Nur im Spiel artikulieren sie (unwillkürlich?) ihre Gefühle – sie, wenn sie beim Sex Drehbuchideen wälzt, er, wenn er in seinem roten Saab 900, der Selchkammer seiner einsamen Seele, den Text für Tschechows „Onkel Wanja“ einstudiert. Nach Otos tragischem Tod sucht Yūsuke Ablenkung bei einem mehrsprachigen (!) Theaterworkshop für eine Wanja-Inszenierung in Hiroshima. Hier trifft er die Fahrerin Misaki (Tōko Miura), die seine Trauermauer aufbricht.

Der Weg dorthin führt, wie so oft bei Hamaguchi, über Zufallsbegegnungen, lange, ausführliche Gespräche und Szenen bewusster oder unbewusster Schauspielerei. Der performative Aspekt des Menschseins ist Hamaguchis liebstes Steckenpferd; im Drehbuch für „Wife of a Spy“, einem Historienthriller seines Mentors Kurosawa, lotete er dessen dunkle Seite aus: Leben als unablässiges Täuschungsmanöver. In seinen eigenen Filmen (darunter das Episodenstück „Wheel Of Fortune And Fantasy“, derzeit gleichfalls in hiesigen Kinos) bleibt sie dezent unter der Oberfläche. Im Unterschied zur Kurzgeschichte Haruki Murakamis, auf der „Drive My Car“ basiert, künden die (Sprach-)Spiele der Figuren hier nicht nur von ihrer Unergründlichkeit. Sondern bieten ihnen auch hie und da die Möglichkeit, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.


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