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Die USA gehen wieder einmal unter

Die Amerikaner stecken in einer tiefen Schulden- und Vertrauenskrise. Doch vorzeitig abschreiben sollte die USA niemand. Denn kaum ein anderes Land hat bessere Voraussetzungen für die Zukunft.

Die Sehnsucht nach einem Ende der amerikanischen Vormachtstellung muss ungemein groß sein. Den Untergangspropheten ist so ziemlich jeder Anlass recht, um den USA eine düstere Zukunft vorauszusagen. Schnell war rund um die Kongresswahl das „Ende des amerikanischen Zeitalters“ oder der Absturz der „Verzagten Staaten von Amerika“ an die Wand gemalt.

Keine Frage, die USA durchlaufen eine schwere wirtschaftliche und sozialpsychologische Krise. Die Arbeitslosenrate klebt knapp unter der Zehnprozentmarke fest. 40 Millionen Amerikaner fassen Essensmarken aus, also fast jeder siebente Bürger. Gleichzeitig schießen die privaten und staatlichen Schulden durch die Decke. Allein heuer reißt die Regierung von US-Präsident Barack Obama wieder ein Haushaltsloch von 1600 Milliarden Dollar auf. Das entspricht elf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. (In Österreich beläuft sich das Defizit übrigens auf 4,7 Prozent des BIPs, auch nicht mickrig).

Und um der verdrießlichen Stimmung die symbolische Krone aufzusetzen, rutschte Obama in der „Forbes“-Liste der mächtigsten Männer der Welt auf den zweiten Platz ab, hinter Chinas Staatsoberhaupt Hu Jintao. Geht es wirklich unwiderruflich bergab mit der Supermacht? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die Nachricht vom Ableben der USA als stark übertrieben erweist.

Seit 1945 schwappten vier Angstwellen durchs Land: 1957, nach dem russischen Sputnik-Schock, bangten die Amis um ihre technologische Überlegenheit; in den 70er- Jahren haderten sie mit dem Vietnam-Trauma, mit zweistelligen Arbeitslosen- und Inflationsraten, einem unmoralischen (Nixon) und einem schwachen (Carter) Präsidenten; in den 80ern fürchteten sie sich vor übernahmefreudigen Japanern; und jetzt drücken Schulden, zwei Kriegsfiaskos und China aufs Gemüt. Doch noch aus jeder Krise sind die USA gestärkt hervorgegangen.

Diesmal könnte es länger dauern, bis die verschuldeten Haushalte zu ungetrübter Freude am Geldausgeben zurückfinden. Und auch der Vorsprung der USA zum Rest der Welt dürfte sich dauerhaft verringern. Zu groß sind die Dynamik und das Potenzial von Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien, deren neue Stärke nun erstmals institutionellen Ausdruck findet: in ihrem höheren Stimmgewicht im Währungsfonds. Die Machtbalance verschiebt sich. Aber die USA werden führend bleiben. Weil sie den Willen und die Mittel dazu haben. Das unterscheidet sie von allen anderen.


Der Dollar macht's aus. Die USA, die ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung bestreiten, sind etwa in der Lage, die Kosten ihrer Finanzkrise auf andere abzuwälzen. Das ist nicht die feine Art, passiert aber momentan. Möglich ist das nur, weil der Dollar die globale Leitwährung ist. Wenn die Federal Reserve Bank nun 600 Milliarden Dollar in den Markt pumpt, wird das die US-Währung schwächen, die Exportchancen von US-Unternehmen erhöhen – und zu einem Inflationsschub und einer Entwertung amerikanischer Schulden führen, die etwa China im Umfang von 1,5 Billionen Dollar hält. Dass der Euro oder gar der Yuan den Dollar dereinst als Leitwährung ablösen könnte, ist nicht wirklich absehbar.

Unangefochten ist auch die militärische Vormachtstellung der USA. Das sind harte Fakten, die durch Krokodilstränen der Untergangspropheten nicht weicher werden.

Auch zwei wesentliche Zukunftsfaktoren müssten die Amerikaner zuversichtlich stimmen. Anders als im aussterbenden und migrationsallergischen Europa ist die Geburtenrate in den USA hoch. Und das US-Bildungssystem lockt nach wie vor die klügsten Köpfe an. Sieben der zehn besten Unis der Welt sind in den USA. Heuer kamen wieder drei der zehn Nobelpreisträger aus Amerika. Diese Ehre wurde erstmals auch einem Chinesen zuteil: aber keinem Wissenschaftler, sondern einem Dissidenten.

Kann es sein, dass das 21. Jahrhundert amerikanischer bleibt, als es vielen lieb ist?

christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2010)