Der Gitarrist der Rolling Stones, der „Greatest Rock'n'Roll Band on Earth", erzählt in seiner Autobiografie "Life" über Sex, Drugs, Rock'n'Roll und sozialen Aufstieg - in Konkurrenz zu seinem "Bruder" Mick Jagger.
"Mick Jagger ist so was von wandlungsfähig“, sagt Keith Richards, „dafür liebe ich ihn. Er könnte ohne Weiteres eine philosophische Diskussion mit Sartre führen. Auf Französisch!“ „Ich weiß, dass er zwei gigantische Eier hat“, sagt Keith Richards ebenfalls über Mick Jagger. Allerdings sei dessen Penis umso kleiner, und Jaggers Frauen heulten sich „am Ende immer bei mir aus. Mick und ich sind keine besonders guten Freunde“, sagt er auch: „Aber wir sind Brüder, und Brüder sind unzertrennlich.“ Immerhin gehe es in „All About You“, einem seiner rührendsten, bittersten Songs, „wahrscheinlich um Mick“.
Ist dieser elende Männerkitsch, ist das Verhältnis von Keith Richards zu Mick Jagger denn nicht nur für pedantische Rock-Enzyklopädisten und Klatschspalten-Addicts interessant? Nein. Immerhin bilden die beiden seit 50 Jahren den Vorstand der einzigen Band, die sich mit Recht „Greatest Rock'n'Roll Band on Earth“ nennen darf. (Gerade weil sie am Anfang ganz und gar keine solche werden wollte.)
Darüber hinaus ist diese komplizierte Freundschaft ein gutes Beispiel dafür, wie die starre britische Klassengesellschaft auch die Popmusik geprägt hat. Jagger und Richards sind zwar beide aus dem Londoner Vorort Dartford, wo laut Richards „jeder ein Dieb“ ist: „Das liegt uns im Blut.“ Schließlich seien dort, auf der alten Römerstraße entlang der Themse, immer die Postkutschen überfallen worden.
Nobelviertel, eine Straße weiter. Zwei Dartforder Diebe also, die später zu organisierten Herzensdieben wurden. Aber mit feinen Unterschieden: „Mick wohnte eine Straße weiter, in der Denver Road. ,Posh Town‘ (Nobelviertel) nannten wir die Gegend.“ Richards' Eltern waren Fabriks- und Gelegenheitsarbeiter, Jaggers Vater war Turnlehrer, seine Mutter Hausfrau. Jagger ging ab elf in die Dartford Grammar School, Richards – obwohl er für Mathematik und Technik völlig unbegabt war – auf die Dartford Technical School.
„Ich versagte erbärmlich, aber nicht so erbärmlich, dass ich auf die Secondary Modern musste“, erklärt Richards: „Dort wurde man für körperliche Arbeit ausgebildet – und das war's. Die miesen Lehrer waren nur dazu da, den Pöbel zu bändigen. Aber mich verschlug es nicht dorthin und auch nicht in die Grammar School, sondern quasi in die Mitte.“ Dort quälte er die Lehrer, boykottierte den Friseur, trug enge Hosen, fälschte Zeugnisse, flog aus dem Schulchor, den er als „Ansammlung von Bauerntölpeln“ charakterisiert, schließlich aus der Schule. Er rettete sich auf eine Kunstschule, wie so viele seiner späteren Popkollegen der Sixties, von John Lennon abwärts.
1961 begegneten die „Glimmer Twins“ einander wieder, am Bahnhof von Dartford. Jagger trug eine Platte von Chuck Berry unterm Arm, hatte Buddy Holly live gesehen, studierte an der London School of Economics, war „schon ein halber Londoner“. „Im Vergleich zu Mick war ich praktisch bloß ein Dorftrottel“, diagnostiziert Richards. Dennoch: Gemeinsam sollten sich die beiden gegen Brian Jones durchsetzen, gegen dessen Standesdünkel sie etwa den proletarischen (und entsprechend als „Teddy Boy“ adjustierten) Bill Wyman verteidigen mussten.
Fast 40 Jahre später eröffnete Jagger an „seiner“ Grammar School einen nach ihm benannten Veranstaltungssaal – und ließ sich zum Ritter schlagen. „Micks Klassenbewusstsein ist im Lauf der Jahre immer mehr zutage getreten“, knurrt Richards (dessen Technical School genauso wenig wie das Königreich daran dachte, ihn zu ehren), „aber ich hätte nicht geahnt, dass er diesem Scheiß tatsächlich auf den Leim gegangen ist.“ Und er höhnt: „Wegen irgendwelcher Terminschwierigkeiten war es nicht die Königin, sondern Prinz Charles, der ihm auf die Schulter klopfte, was meiner Meinung nach nur heißen konnte, dass er jetzt nicht adelig, sondern popelig ist.“
Als Tony Blair ihm nach zwei Schlaganfällen mit den Worten „Du bist immer einer meiner Helden gewesen“ seine Genesungswünsche übermittelte, war das Keith Richards freilich auch nicht recht: „Die Geschicke Englands liegen in der Hand eines Mannes, der mich zum Helden hat? Das ist beängstigend.“ Und irgendwie doch verstörend für einen Mann, der stolz erzählt, dass ihm sein Anwalt weiland mitgeteilt habe, die Rolling Stones seien die „gefährlichste Band der Welt“.
Das war in den Siebzigerjahren, als die Stones unter Einsatz aller Rauschmittel ihre Stellung als führende Décadents hielten. Die sie ein Jahrzehnt davor definiert hatten, durch ein seltsames soziales Crossover: „Plötzlich scharwenzelte die halbe Aristokratie um uns herum“, schreibt Richards über das London der Swingin' Sixties, in dem der einst proletarische Rock'n'Roll plötzlich salonfähig (oder zumindest nachtclubtauglich) war. „Mir lag nichts daran, in ihre Schicht aufzusteigen, in die schwachsinnigen oberen Zehntausend Europas“, versichert er: „Aber hin und wieder waren sie ganz nützlich.“Schließlich hatte der kleine Keith schon als Pfadfinder gewusst: „Ich spürte, dass ich es draufhatte. Dass es mir irgendwie gelingen würde, durch die Maschen des sozialen Netzes zu schlüpfen und oben mitzuspielen. Meine Eltern waren Kinder der Weltwirtschaftskrise, sie klammerten sich an ihre kleinen Errungenschaften und waren glücklich damit. (...) Aber mir war klar, dass ich da rausmusste.“
„Alphamännchen“. Es gelang. Mithilfe des Blues, dessen Theorie und Praxis Richards in einigen der besten Passagen seines Buchs beschreibt. Wohl auch dank der Abschaffung der Wehrpflicht in Großbritannien 1963: Eine Generation junger Männer gewann dadurch zwei Jahre unvorhergesehene Freiheit, Jagger, Richards & Co. nutzten sie eben, um den Blues zu studieren. Wiewohl Richards weiß: „Wenn ich hingegangen wäre, wäre ich wahrscheinlich inzwischen General. Ein Alphamännchen kann man nicht stoppen.“
„Wer kriegt die jetzt? Wer ist der Tarzan?“ So schildert er später seine Wettbewerbe um Mädchen mit Jagger: „Wie zwei kämpfende Alphatiere.“
In diesem Sinn plaudert der alte Narr über Nächte und Narben, über Gitarren und Gewehre, Drogen, Drogen und Drogen. Und Würstel mit Erdäpfelpüree. Das ist nämlich seine Lieblingsspeise. Neben Shepherd's Pie.
„Plug in, plug out and fight and fuck and feed“, heißt es im programmatischen Stones-Song „Rocks Off“: „Heading for the overload, splattered on the dusty road.“ Hoffentlich nicht so bald. Auch wenn man es ihm nicht ansieht: Keith Richard ist erst 66.
Keith Richards (mit James Fox): „Life“, Verlag Heyne, 736 S.
1943 Geboren in Dartford, Kent, England. 1962 Gründung der Rolling Stones. 1967 Erste Verurteilung wegen Drogenbesitz. 1969 Geburt von Sohn Marlon. Weitere Kinder: Angela (*72), Theodora (*85), Alexandra (*86). 1983 Hochzeit mit Patti Hansen. 2007 Schauspieldebüt in „Fluch der Karibik“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2010)