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Singapur: Die autoritäre Glitzermetropole

(c) GEPA pictures (GEPA pictures/ xpb.cc)
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Singapur ist das Versuchslabor für den Aufstieg Asiens und Vorbild für China. Immer noch badet der Stadtstaat in atemberaubendem Wirtschaftswachstum. Diese Woche kommt Bundespräsident Heinz Fischer zu Besuch.

Das Leben kann so schön sein: Mit einem Glas Caipirinha in der Hand und einer wahrlich atemberaubenden Skyline vor Augen. Und das im riesigen Swimmingpool im 57. Stock, 200 Meter über dem Erdboden, oder im Schatten der Palmen am Beckenrand. Der Himmel ist auf dem Dach des Marina-Bay-Sands-Casino-Luxusresorts zum Greifen nah. Wo jetzt die 5,9-Milliarden-Dollar Immobilie steht, war früher nur Meer, die Stadt ist um ein Wahrzeichen reicher.

Singapur strebt nach Superlativen. Aber nicht so plump und neureich wie Dubai, sondern mit Klasse und Stil – Perfektionismus hat Priorität.

Erschaffen hat das alles Lee Kwan Yew, der „Minister-Mentor“ des Stadtstaates Singapur. Er hat das Modell Singapur erdacht und eine perfekte Hochleistungsgesellschaft geschaffen. Wirtschaftspolitisch pragmatisch, elitär-meritokratisch, progressiv.

Lee hat einst Deng Xiaoping zur Öffnung Chinas inspiriert. 1978, Deng war zu Besuch in Singapur, forderte er den damaligen De-Facto-Regenten Chinas heraus: Die Singapur-Chinesen würden von armen, ungebildeten Bauern aus den Provinzen Guangdong und Fujian abstammen. „Es gibt nichts, was Singapur erreicht hat, was nicht China ebenfalls erreichen könnte.“ Seither ist Singapur ein leuchtendes Vorbild – nicht nur für China, sondern für ganz Asien. Die Wirtschaftsdaten brechen alle Rekorde: Um 13 bis 15 Prozent soll das Bruttonationalprodukt heuer wachsen, in den Wettbewerbs-Rankings liegt der Stadtstaat stets ganz weit vorn. Der Global Competitiveness Report des „World Economic Forum“ listet Singapur auf Platz drei (Schweiz: Platz eins, Österreich: Rang 18).

Das hübsche Bild des Stadtstaats wird einzig durch den Überwachungs- und Repressionsapparat getrübt. Für Nichtigkeiten gibt es drakonische Strafen. Dissens und Kritik sind unerwünscht – auch wenn sich der Stadtstaat als Demokratie versteht.

Chee Soon Juan, Generalsekretär der Singapore Democratic Party, hat sein politisches Engagement teuer bezahlt: Chee war immer wieder im Gefängnis, weil er öffentlich gegen die Regierung und die Regierungspartei People's Action Party agitierte. Zudem wurde der Neuropsychologe zu hohen Geldstrafen verurteilt, sodass er Privatkonkurs anmelden musste und nun wirtschaftlich ruiniert ist.

Gerade ist er in ein neues Büro gezogen, das Freunde der Partei finanzieren. Zwischen abgewetzten Sofas stehen Kisten mit frisch gedruckten Plakaten und Parteiprospekten. Singapur sei eine Firma, ein Familienunternehmen, sagt Chee. „Lee Kwan Yews Sohn ist Premierminister, seine Schwiegertochter kontrolliert die Temasek Holding mit einem Milliarden-Dollar-Vermögen. Und Lee selbst kontrolliert den Sovereign Wealth Fund Government of Singapore Investment Corporation (GIC). Ob das nun Singapur AG oder autoritärer Kapitalismus oder sonst was ist – die Kontrolle dieser drei Personen über den Stadtstaat ist perfekt.“

Chee wohnt in dem an eine Studentenbude erinnernden Büro mit seiner Frau und drei Kindern. Als er wieder einmal ins Gefängnis musste, fragte ihn seine Tochter, was er denn verbrochen habe. „Nichts“, habe er damals geantwortet, „ich habe nur meine Meinung vertreten.“ „Und ich dachte, es kommen nur Diebe, Mörder und Verbrecher ins Gefängnis“, hatte seine Tochter damals gesagt. Da muss selbst der trotzige, stolze Oppositionspolitiker kurz schlucken und durchatmen, bevor er weitererzählt. „Singapur ist ein goldener Käfig. Viele sehen das Gold, aber ich sehe die Stäbe“, sagt er.

Ein Bild, das der frühere Diplomat und Professor an der Lee Kuan Yew School of Public Policy, Kishore Mahbubani, nicht gelten lässt. Wenn das so sei, warum gebe es dann keinen Massenexodus aus dem Stadtstaat? Und warum, fragt Mahbubani, gern gesehener Gast in den Talkshows von CNN, BBC und anderen internationalen Sendern, ist Singapur eine attraktive Destination für Expats (Fachkräfte internationaler Unternehmen) auf der Suche nach dem angenehmen Leben und einem guten Einkommen? „Wer würde schon freiwillig in einem Käfig leben?“

Forschungsmekka. Und tatsächlich: Singapur gelingt es, einige der besten Wissenschaftstalente anzuziehen. Während in Österreich die Forschungsbudgets gekappt werden, plant die Regierung von Singapur in diesem Jahr, über drei Prozent des Bruttoinlandprodukts für Forschung und Entwicklung auszugeben (Österreich: 2,76 Prozent).

Der österreichische Forscher Walter H. Günzburg, der sich mit seiner Firma „SG Austria“ im Science-Park „Biopolis“ niedergelassen hat, schwärmt von den Arbeitsbedingungen in Singapur. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er eine Methode entwickelt, Zellen in einer Zellulosehülle zu „verpacken“. Diese Zellen können dann an einen beliebigen Ort des Körpers eingebracht werden, wo sie ihre Wirkung entfalten. Die staatliche Wissenschaftsagentur A*star fördert die Forschungsarbeit Günzburgs. Zudem sei es in Singapur einfacher, an Risikokapital heranzukommen als in Österreich. Ganz nach Singapur gehen will allerdings auch Günzburg nicht – zu wichtig ist ihm der Kontakt zu Wien. „Außerdem ist Österreich zu schön, um ganz wegzugehen.“

Wirtschaftsdrehscheibe.
Ein weiterer Österreicher, der schon seit vielen Jahren in Singapur lebt, ist Raiffeisen-Asien-Chef Rainer Šilhavý. Von seinem Büro in einem der obersten Stockwerke eines Büroturms im Zentrum hat man einen guten Blick auf den Hafen und das neue Casino-Viertel. Einer der wichtigsten Standortfaktoren, die für Singapur sprechen, sei die Lage und die Rechtssicherheit, sagt Šilhavý. Der Flughafen „Singapore Changi Airport“ macht Singapur zum wichtigsten Luftverkehrsknotenpunkt der Region, der Hafen ist der größte weltweit.

Šilhavý: „Singapur hat den Vorteil, dass man von hier aus die Dinge globaler sehen kann, denn es gibt keine klassische Ausrichtung nach nur einem Markt – wie etwa in Hongkong oder Shanghai. Indien, Malaysia, Indonesien – all das sind interessante Märkte, die wir von hier aus bearbeiten.“ Die Finanzdienstleistungsindustrie ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Stadt, die man auch als die Schweiz Asiens bezeichnet. Zuletzt versuchte die Regierung Hedgefonds, denen das Pflaster in London oder New York zu heiß ist, mit dem Bau eines neuen Hedgefonds-Viertels im Stadtteil Nepal Hills in die „Lion City“ zu holen. (Singapura steht in Sanskrit für Stadt der Löwen.)

Šilhavý schätzt neben den Geschäftsmöglichkeiten die Lebensqualität der Stadt: „Der Autoverkehr ist gebändigt, das U-Bahn-Netz hervorragend und das Bildungssystem erstklassig.“


Erwachende Kunstszene.
Das Image Singapurs, eine langweilige Stadt zu sein, in der sogar Kaugummikauen argwöhnisch beäugt wird, wandelt sich. Als im Nationalmuseum eine Künstlergruppe eines Abends mit der Kunstaktion „Abusement Park“ (Missbrauchs-Park) Todesstrafe und Repression in Singapur aufs Korn nahm, staunten nicht wenige Besucher. Bewaffnete maskierte Schauspieler schüchterten die Besucher ein, eine Sexpuppe wurde am Galgen aufgeknüpft – ein makabrer Kommentar zur Tatsache, dass Singapur eine der höchsten Hinrichtungsraten der Welt hat. Galerien und kleine Künstlergruppen formieren sich, es kommt Leben in die Kunstszene.

Dennoch: Die Bewohner der Stadt stehen unter Druck. Nur 1,23 Kinder kommen statistisch auf ein Paar (Österreich: 1,4). Die Regierung versuchte mit dem Programm „Romancing Singapore“ gegenzusteuern. Es sollte mehr Raum für Romantik geschaffen werden. Die Menschen hätten vor lauter Arbeit aber nicht einmal genügend Zeit, einen Partner zu finden, erzählt Violet Lim von der Dating-Agentur „Lunch Actually“. Daher gehen sie lieber gemeinsam schnell Mittagessen, als sich Zeit zu einem romantischen Abendessen mit Kerzenlicht zu nehmen. Lim hilft, dass sich Mr. und Ms. Right trotzdem finden. Die Liebe hat es schwer in der Hektik Singapurs. Dabei könnte das Leben so schön sein.

Staatsbesuch in Singapur. Bundespräsident Heinz Fischer beginnt am Montag einen offiziellen Staatsbesuch in Malaysia mit einem Empfang durch den malaysischen König Mizan Zainal Abidin in Kuala Lumpur. Weitere Stationen der Reise des Bundespräsidenten werden Indonesien und Singapur sein.

Eine Wirtschaftsdelegation und mehrere Regierungsmitglieder begleiten den Bundespräsidenten. Südostasien gilt als einer der Hoffnungsmärkte der österreichischen Exportwirtschaft, Chancen ergeben sich bei erneuerbaren Energien, Umwelttechnologie und Infrastruktur. Singapur gilt als wichtigste Drehscheibe für diesen Wirtschaftsraum.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2010)