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Horst hat kein Bett, er hat auch keine Küche, in der er etwas kochen könnte, er hat noch nicht einmal ein Fieberthermometer.
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Erzählung

Er hat nicht alles verloren, Anton war noch da und das Auto

Im Leben ist es wie an der Börse: Sobald eine Zahl außer Kontrolle gerät, geraten alle außer Kontrolle. Das hat Horst jedes Mal gedacht, wenn er mit dem Arzt über Susannes Leukozyten sprach. Er hat nicht gewusst, wie schnell man alles verlieren kann – die Frau, die Arbeit, das Haus.

Sein Sohn steht am Ufer und starrt auf etwas im Wasser vor sich. Er starrt so intensiv, dass Horst fragt: „Was siehst du da?“

Statt zu antworten, zieht der Bub die Nase hoch. Seine Mütze sitzt schief, die Jacke ist zu groß, die Ärmel zu lang für Antons Arme, Horst hat den Bund zweimal umschlagen müssen. Die Jacke hat Horst vor drei Tagen bei einem Konzert in einer Musikschule gestohlen. Da waren unzählige Eltern mit ihren Kindern gewesen; dass er und Anton nicht dazugehörten, war niemandem aufgefallen.

„Was siehst du da?“, wiederholt Horst seine Frage.

Antons rechter Arm fährt vor, Horst folgt der beinahe mechanischen Bewegung mit seinen Augen. Im flachen Wasser treibt ein kleiner toter Fisch, der von den Wellen über die flachen Uferkiesel geschrubbt wird. Der Bauch des Fisches ist von einem hellen, fast weißen Silber. Horst legt die Hand auf den Kopf seines Sohnes, seine Finger umfassen Antons Schädel. Er hat einmal gelesen, dass der Mensch als Art deshalb so erfolgreich gewesen ist, weil er mit bloßen Händen alles töten kann, was gleich groß oder kleiner ist als er. Nicht zum ersten Mal gerät etwas in Horst ins Taumeln, als ihm bewusst wird, wie wehrlos sein Bub noch ist.

„Was ist mit dem Fisch?“, fragt sein Sohn.

„Er ist tot.“

„Warum?“

„Weiß ich nicht.“

„Vielleicht war er krank?“

„Vielleicht.“

„Ist er im Himmel? Wie die Mama?“

Horst legt seinen Arm um Antons Schultern und zieht ihn an sich. Die Sache mit dem Himmel hat Anton von seiner Oma. Horst weiß nicht, ob es einen Himmel gibt, und ob Susanne jetzt dort ist, er weiß nicht, ob Susanne und der Fisch im selben Himmel sind, wenn es denn einen gibt. Er stellt sich Susanne vor, wie sie sich nackt und mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken im klaren Wasser treiben lässt; sie lächelt, ihre blauen Augen leuchten, zwischen ihren Haaren schwimmt der kleine Fisch.

„Ich weiß es nicht“, antwortet er seinem Sohn schließlich.