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Migranten heute (Symbolbild)
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Geschichte

Wenn das Zuhause nicht mehr sicher ist

Fluchtrucksack und Überlebensgürtel: Das Erinnern braucht die Objekte. Mit ihrer Aura – im Sinne Walter Benjamins – verdichten sie das Gewesene. Was uns zwei Ausstellungsstücke im niederösterreichischen Haus der Geschichte erzählen.

Als sich Fritz Greger am 31. August 1938 zum ersten Mal von seinen Eltern verabschiedete, endete die Flucht schon am nächsten Tag in Arnoldstein, kurz vor der österreichischen Grenze. Beim zweiten Versuch, nach Palästina zu gelangen, hatte er mehr Glück. Neun Tage vor dem Novemberpogrom bestieg er unter der Reichsbrücke einen Donaudampfer, gemeinsam mit 150 freigelassenen Häftlingen aus Dachau. Im Schwarzen Meer warteten zwei Hochseeschiffe auf die Auswanderer, es war einer jener illegalen Transporte, die Unzähligen das Leben retteten. Hunderte Passagiere drängten sich unter Deck zusammen – unter ihnen auch der damals 16-jährige Gerhard Bronner –, für Reisegepäck war wenig Platz. Fritz Greger hatte einen Rucksack umgehängt, den er in einem Wiener Sportartikelgeschäft gekauft hatte: Sport Lazar, Kolingasse 13, im neunten Bezirk. Ein jüdisches Geschäft, das zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon nicht mehr existierte. In das Stoffetikett auf der Innenseite hatte er mit blauer Tinte seinen Namen und seine Adresse geschrieben: Fritz Greger, Amstetten. Die Schrift ist immer noch gut lesbar.

Heute, mehr als achtzig Jahre später, kann man den Rucksack in einer Vitrine des Hauses der Geschichte in St. Pölten sehen. Dazu den Identitätsausweis, der Fritz Greger am 7. Dezember 1938 vom District Officer in Tel Aviv ausgestellt wurde. Es war nicht die erste und auch nicht die letzte Station in der neuen Heimat.

 

Webseiten für Survival-Training

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es das Wort tatsächlich gibt: „Fluchtrucksack“. Im Duden und in anderen Wörterbüchern findet man den Begriff zwar nicht, aber wenn man ihn googelt, erhält man mehr als zwei Millionen Treffer, es gibt eigene Webseiten für Survival-Training und eine, die auch so heißt: fluchtrucksack.de. Die Stichworte dazu reichen von „Krisenvorsorge“ bis zu „Überleben leicht gemacht . . .“ „Ein Fluchtrucksack“, so wird erklärt, „ist ein Notfallrucksack mit Notausrüstung, die dir in Notsituationen das Leben retten kann.“ Als Notsituation wird genannt: „wenn die eigenen vier Wände nicht mehr als sicher gelten“. In einer Checkliste erfährt man, was man alles mitnehmen soll, um sich über mehrere Wochen oder Monate durchzuschlagen: Kompass, Feldflasche, Messer, Drahtsäge, Bleistift, Nähset, Rasierklinge, Salz . . . Neben Wäsche, ein paar Nahrungsmitteln und Geld hatte Fritz Greger vermutlich ein Foto seiner Familie und ein Adressbuch in seinem Rucksack. Vorstellungen vom Fluchtland hatte er keine – er war kein Zionist –, und ob er irgendwann zurückkehren würde, war genauso ungewiss.