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Macht der Geister und Überraschungssieg in Cannes

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Der international gefeierte Filmemacher und Künstler hat sich mit kühn konstruierten, elliptisch erzählten, aber durch ihre atmosphärische Dichte und zugängliche Metaphorik fesselnden Kinoarbeiten einen Namen gemacht.

Der Himmel, erklärt die tote Frau ihrem (noch) lebenden Gemahl, sei überschätzt: „Da ist nichts. Geister sind nicht mit Orten verknüpft, sondern mit Menschen.“ Es wäre ein gutes Motto für Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives, dem heurigen Cannes-Überraschungssieger vom thailändischen Kritikerfavoriten Apichatpong Weerasethakul. Der international gefeierte Filmemacher und Künstler hat sich mit kühn konstruierten, elliptisch erzählten, aber durch ihre atmosphärische Dichte und zugängliche Metaphorik fesselnden Kinoarbeiten einen Namen gemacht – und zumal er in den 1990ern in Chicago studiert hat, weiß er auch um die anfängliche Schwierigkeit für viele seinen Namen auszusprechen und lässt sich einfach „Joe“ nennen.

 

Früher von Thailands Zensur verfolgt

Das erzählt viel über die unprätentiöse Selbstverständlichkeit, durch die des Filmemachers mystisch getönte Träumereien geerdet sind: Dass Uncle Boonmee in Cannes eine Jury unter der Leitung des nicht unbedingt als Freund von filmischen Experimenten bekannten Hollywoodregisseurs Tim Burton überzeugte, ist auch ein Zeichen dafür, wie sehr diese Kino-Dschungelfantasie gefangen nimmt, obwohl einiges an der in sechs Kapiteln erzählten Geschichte rätselhaft bleibt. Allerdings gibt schon der Anfang des Films kongenial einen angenehm beiläufigen Zugang zum magischen Realismus seiner Erzählung vor: Gegen den dunkelblauen Nachthimmel zeichnet sich inmitten sanft schillernder Natur ein Ochs als schwacher Umriss ab, löst sich aus einer Fesselung und galoppiert davon – nur um wieder eingefangen zu werden. In der Dunkelheit ist eine andere, zottelige Figur auszumachen, deren Augen wie rote Laserpunkte strahlen. Gleich darauf wird dieses Wesen nach kurzer Schrecksekunde in einer Essensrunde eingemeindet werden – wie auch der (durchsichtige) Geist einer toten Frau.

Die zwei Phantome sind Sohn und Gattin des Titelhelden: Der kranke Uncle Boonmee rückt dem Jenseits immer näher – das endgültige Nierenversagen steht unausweichlich bevor. Das zieht die Geister an, zurück zu dem Menschen, mit dem sie verknüpft sind: Aber solche spirituellen Konversationen werden mit der gleichen Gelassenheit präsentiert wie später Szenen, die Menschen beim Fernsehen zeigen. Fantastisches und Wirklichkeit gehen ebenso nahtlos ineinander über wie die Zeiten. Wenn Boonmee schließlich in eine Höhle kriecht, den Stoppel aus seinem Katheter zieht und sein Leben ausrinnen lässt, kann man an eine Rückkehr in den Geburtskanal denken oder an Plato oder sich einfach dem Zauber einer Urweltlandschaft hingeben.

Der Formwandler-Aspekt des Films spiegelt sich noch in seiner Entstehungsgeschichte: Er ist Teil von Weerasethakuls Multiplattformprojekt „Primitive“, zu dem auch Kurzfilme, ein Buch und Ausstellungen gehören, aus denen Elemente in Uncle Boonmee wieder auftauchen. Seine Episoden bieten auch eine Reise durch die Filmgeschichte: Nicht nur in der direkten Wirkungsmacht und den magischen No-Budget-Effekten schließt die Produktion an die ursprüngliche Kraft das frühen Kinos an.

Dass aus dieser im besten Sinne primitiven Dschungelfantasie jetzt eine Goldene Palme erblüht ist, entbehrt ebenso wenig einer gewissen Ironie wie der politische Hintergrund: Thailand hat den Film heuer für den Oscar eingereicht, nachdem frühere Weerasethakul-Werke mit der Zensur zu kämpfen hatten, weil etwa der Anblick eines Gitarre spielenden Mönchs missliebig war. In Uncle Boonmee fühlt sich nicht nur der Titelheldvon den Geistern der Kommunisten verfolgt, die er einst tötete, am Ende gibt es auch eine verblüffende Szene mit einem Mönch (von derselben Person verkörpert wie im Zensurfall), der den Tempel verlässt und sich in Alltagskleidung wirft. Dazu ertönt ein berauschender Thai-Popsong mit dem Titel „Acrophobia“ – Höhenangst. Als hätte „Joe“ seinen Höhenflug vorausgeahnt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2010)