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Unterwegs

Europas amerikanischste Stadt

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Europas amerikanischste Stadt liegt in Polen: Łódź ist ein Freiluftmuseum der Industrialisierung.

Wenn man im Straßenbild europäischer Städte auf ein Schachbrettmuster stößt, weiß man für gewöhnlich: Hier ist Entsetzliches passiert. Man denke beispielsweise an die Baixa von Lissabon, die Unterstadt am Hafen, deren alte Vorgängerin vom Erdbeben und der Flutwelle 1755 komplett ausradiert wurde. Auch große Teile Warschaus sind in rechten Winkeln arrangiert, was daran liegt, dass Wehrmacht und SS diese Stadt nach dem Aufstand 1944 beinahe komplett rasiert haben. Selbst jene europäischen Städte, deren Kern ein standardisiert orthogonales römisches Castrum war, haben dieses im Laufe der Jahrhunderte organisch überwuchert; Wien etwa.

Anders jedoch verhält es sich in Łódź. Diese Stadt hat ein Straßenbild im Gitterformat, weil sie fast komplett im 19. Jahrhundert gebaut wurde: so wie die großen amerikanischen Metropolen. Vor Weihnachten verbrachte ich drei Tage im „Manchester Polens“, ich habe es tief beeindruckt und mit dem Vorsatz verlassen, bald wiederzukommen. Zar Alexander I. beschloss Anfang der 1820er-Jahre, die damalige Kleinststadt als wirtschaftspolitisches Experimentierfeld zu nutzen.

Er lockte deutsche Weber und Textilunternehmer an, die hier unermessliche Reichtümer erarbeiteten, oft unter sadistischer Ausbeutung der zugezogenen, proletarisierten Landbevölkerung.

Zahlreiche der Manufakturen und Fabriken haben Kriege und Deindustrialisierung überlebt, ebenso die Paläste der Baumwollkönige. Besuchen Sie Łódź: Kaum anderswo sind die sozialen und technologischen Umwälzungen der Gründerzeit derart greifbar.

oliver.grimm@diepresse.com

 

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2022)