Gastkommentar

Kategorischer Negativ

Kickl statt Kant muss keine schlechte Entscheidung sein – sofern man die Konsequenzen nicht scheut.

Auf den Coronademonstrationen gehört es zum guten Ton, sich gegen den aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Konsens in Stellung zu bringen. Dies könnte eine wichtige Funktion im Sinne des Advocatus Diaboli sein – wenn nicht die demagogische Faktenferne wäre: Es ist eine hoch selektive Verwendung und suggestive Verdrehung von Tatsachen samt vorsätzlicher Vermischung, die jenen explosiven Mix entstehen lässt, den wir als „Fake News“ bezeichnen.Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

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Es verdichtet sich der Eindruck, man würde vor allem Befindlichkeiten oberflächlich als Kritik verkleiden, um ihnen zu mehr Legitimität zu verhelfen: Gefühlte Besorgnis immunisiert sich gegen faktenorientiertes Denken, bedarf (scheinbar!) keiner Begründung und begnügt sich damit, „dagegen“ zu sein. Da dieses „Nein“ aber keineswegs ausreicht, um als Kritik zu gelten, wendet es sich in Form eines vom Kant'schen „kategorischen Imperativ“ inspirierten „kategorischen Negativ“ gegen die Gegner selbst. Während Kant gefordert hatte, nur nach jener Maxime zu handeln, von der man wollen könne, dass sie allgemeines Gesetz werde, ließe sich ex negativo formulieren: Handle so, wie es den auf Coronademos verkündeten Maximen nicht entspricht, weil man nur davon wollen kann, dass es allgemeines Gesetz wird. Kurz: Wer das Gegenteil von dem tut, was auf den Coronademos an vorderster Front gebrüllt wird, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ziemlich oft richtig (oder zumindest nicht ganz falsch).

Freiheit und Solidarität

Damit können die Proteste mit ihrem Plädoyer für eine einsame Form der „Freiheit“ beiden Seiten Orientierung geben – sowohl der Solidarität fordernden Minderheit als auch der Solidarität übenden Mehrheit. Schließlich ist die geforderte „Freiheit“ vor allem dazu gedacht, sich selbst aus Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft zu „befreien“. Wer aber diese Loslösung fordert, sollte im Gegenzug bereit sein, die aus der Zugehörigkeit zum Gemeinwesen resultierenden Ansprüche aufzugeben. Folgerichtig ist die Alternative zur kritisierten Impfpflicht eine konsequent gedachte Freiheit jenes Einzelnen, der im Fall einer Erkrankung das verhasste System nicht in Anspruch nimmt, denn: Glaubwürdig sind solche Rufe nach Freiheit (auch als „costly signal“ im spieltheoretischen Sinne) nur, wenn man bereit ist, die Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Bei bester Gesundheit gegen das System mobil zu machen, dieses im Krankheitsfall aber in Anspruch zu nehmen, ist keineswegs „kritisch“, sondern schlicht inkonsequent.

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