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Der ökonomische Blick

Wie wir den Erfolg im Scheitern sichern können

KUF
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Österreich ist ein traditionsreiches Land. Auch in der Verfehlung der Klimaziele. Wie wir darin weiter erfolgreich bleiben.

Tradition lebt aus der Geschichte, im Fall Österreichs wohl fußend insbesondere auch auf der k.u.k. Monarchie. Österreich hat sich seit damals sehr angestrengt, dennoch benötigte unser Land bis in die frühen 1970er-Jahre, um das CO2-Emissionsniveau aus Monarchiezeiten wieder zu erreichen; da erst waren die Emissionen auf dem nun viel kleineren Territorium ausreichend gestiegen, um mit jenen aus Kaisers Zeiten gleichzuziehen.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Ziele zur Senkung der Emissionen hat Österreich demgegenüber erst seit der internationalen Anerkennung der Treibhausgasproblematik, manifestiert etwa durch die Gründung des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC) im Jahr 1988. Das im selben Jahr vereinbarte Toronto-Ziel sah eine Reduktion der österreichischen CO2-Emissionen um 20 Prozent bis zum Jahr 2005 (relativ zu 1988) vor, das 1997 vereinbarte Kyoto-Ziel schließlich eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 13 Prozent bis 2008/12 (gegenüber 1990). Davon unberührt: Vor Corona lagen die Emissionen Österreichs 2019 noch immer über dem Niveau von 1990 (und damit auch über jenem von 1988), und zumindest in den großen Problembereichen (wie Verkehr) liegen die Emissionen auch heute bereits wieder auf Vor-Corona-Niveau. Tradition über alles!

Der traditionsreiche Weg

Obwohl die Klimafolgen immer manifester sichtbar werden, wie auch der wirtschaftliche Erfolg von Ländern wie Schweden oder Dänemark im Zuge ihrer Emissionsreduktion, gibt es nach wie vor großes Interesse an den wichtigsten Ingredienzien, mit denen Österreich seine Klimaziele auch weiterhin verfehlen kann. Zwar nicht öffentlich hinausposaunt, aber letztlich doch, so ganz grundsätzlich. Denn nur, wenn wir die folgenden sechs Tipps ignorieren, könnten wir vielleicht gar ein Abweichen vom traditionsreichen Weg herbeiführen – inklusive einer Emissionsreduktion bei höherer Lebensqualität.

1. Auf die technologische Gesamtlösung warten: Da grüne Technologien in Zukunft ja noch viel effizienter und vor allem billiger verfügbar sein werden als heute, auch einige noch bessere heute vielleicht noch nicht einmal auf dem Markt sind, sollten wir bis knapp vor dem Klimaneutralitätsziel – also aktuell 2040 – warten, und die bis dann auch verfügbaren allerbesten technischen Lösungen erst über den letzten Jahreswechsel am Ende der 2030er Jahre umsetzen. Zuvor schon Erfahrung mit den Technologien, in Einbau, Anwendungen und neuen Geschäftsmodellen zu sammeln, würde diese sonst so schnell weiterentwickeln, dass wir nicht nur die daraus erwachsende Exportnachfrage ja gar nicht bedienen könnten, sondern vielleicht sogar schon vor 2040 netto emissionsfrei wären, und das uns zustehende Treibhausgasbudget überhaupt nicht bis zur letzten Tonne ausnützen würden!

2. Rahmenbedingungen für Unternehmen niemals langfristig definieren: Die Zukunft ist unsicher (siehe Punkt 1). Jetzt schon Infrastruktur für Erneuerbare und Wasserstoff und Rahmenbedingungen planbar zu machen, gar Verpflichtungen einzugehen, wäre viel zu riskant. Außerdem würde damit nur jenen Unternehmen eine Geschäftsgrundlage gegeben, die Neues ins Land holen oder gar in Österreich entwickeln und umsetzen würden. Tradition statt Innovation!

3. Hohe Förderungen für Fossile weiter sichern: Tradition kann durch die guten alten Förderungen unterstützt werden. Denn würden wir etwa die Steuervorteile für Dienstfahrzeuge, die de facto zu Gehaltsbestandteilen mutiert sind, reformieren, würde der resultierende explizite Gehaltsanstieg dann wohl zu einer anderen Mobilitätsnachfrage führen, wenn auch für die Einzelnen und die Gesellschaft billiger. Erhalten wir stattdessen die alten Muster, das schützt die alten Geschäftsmodelle und vor Veränderung!

4. In der Förderung grüner Anwendungen vor allem die Starken im Markt bedienen: Mit der Förderung von E-Autos und PV-Anlagen die kaufkräftigen Bevölkerungsgruppen bedienen, denn nur diese werden die erhöhte Durchdringung auch umsetzen! Wenn solche Förderungen hingegen auch Bedarfselemente berücksichtigen und mit zielgerichteter Information an weniger wohlhabende Gruppen verbunden sind, könnte die Transformation ja breit greifen, und wäre dann im Sinne einer „Just Transition“ vielleicht gar nicht mehr aufhaltbar.

5. Ausbildungs- und Umschulungsprogramme nach bisherigem Bedarf ausrichten: Die Investition in (Aus)bildung ist das wichtigste Kapital jedes Einzelnen. Solange wir zukünftige Bedürfnisse einer nachhaltigen Wirtschaft erst in Grundzügen, aber noch nicht im Detail kennen, wäre es grob fahrlässig, Ausbildungsprogramme jetzt schon darauf auszurichten. Umschulungen und Neueinstellung in andere Branchen werden blitzschnell und einfach gelingen und betreffen ohnehin nur Personen ohne wohlerworbene Rechte!

6. Für die grüne Finanzierung alle Kriterien der vorgeschlagenen EU-Taxonomie übernehmen: Die Klimakrise ist eine globale Herausforderung, daher gilt es vor allem dann gemeinsam mit anderen, also zumindest gemeinsam mit der Europäischen Union zu handeln, wenn Interessen einzelner Länder die treibenden Faktoren sind. Unser eigener hoher erneuerbarer Stromanteil (im Jahresschnitt) bedingt ja schon heute hohe Importe aus dem europäischen Netz, dazu müssen wir auch die Finanzierung dieser Stromproduktion weiter sicherstellen. Der zum Jahreswechsel übermittelte Vorschlag der EU-Kommission zur sogenannten „Taxonomie“, also der Auflistung aller Technologien, deren Finanzierung mit dem Label „nachhaltig“ versehen sein darf, beinhaltet für die nächsten Jahrzehnte auch fossiles Gas und Nuklearenergie, sichert also günstigere Finanzierungskosten für auch diese. Das gilt es auch national umzusetzen! Sonst kämen wir ja im Umstieg viel zu schnell voran, ja blieben uns womöglich nicht nur Finanzierungsmittel übrig – die Erneuerbaren (Wind- und Solarenergie) kosten aktuell pro Kilo-Wattstunde höchstens ein Drittel der Nuklearenergie, und in ein paar Jahren wird der Kostenvorteil der Erneuerbaren sogar noch viel größer sein. Zudem würden wir Frankreich unsolidarisch alleine lassen mit der kostenintensiven Erhaltung seiner aus Wartungs- und Sicherheitsgründen ein Drittel der Zeit stillstehenden Nuklearkraftwerke. Sie verursachen nur in der Bauphase, jedoch nicht im Betrieb CO2. Gönnen wir uns doch diese allerteuerste Variante des CO2-„freien“ Stroms! Sie muss uns die daraus folgende deutliche Verlangsamung des österreichischen wie europäischen Umstiegs jedenfalls wert sein.

Zusammenfassend: Scheitern kann auch ein Motor sein, am besten aber so, dass wir traditionsbewusst die gleichen Fehler beständig wiederholen, denn sonst könnten wir aus der Fülle der möglichen Zerstörungen frei nach Schumpeter ja glatt noch wertschöpferische anstoßen.

 

Der Autor

Karl W. Steininger (*1965) ist Professor für Klimaökonomik und Nachhaltige Transition und Leiter der ökonomischen Forschungsgruppe am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel der Uni Graz. Steininger forscht zu ökonomischen Folgen des Klimawandels und der Dekarbonisierung und ist im Präsidium der Nationalökonomischen Gesellschaft (NOeG).

Karl W. Steininger
Karl W. Steininger

Literatur:

Lovins, Amory B., Why Nuclear Power Is Bad for Your Wallet and the Climate, https://news.bloomberglaw.com/environment-and-energy/why-nuclear-power-is-bad-for-your-wallet-and-the-climate

Steininger, K.W., Williges, K., Meyer, L., Maczek, F., Riahi, K. (2021), Sharing the effort of the European Green Deal among countries, preprint https://doi.org/10.21203/rs.3.rs-1025291/v1

Steininger, K.W., Mayer, J. et al. (2021), The Economic Effects of Achieving the 2030 EU Climate Targets in the Context of the Corona Crisis: An Austrian Perspective, Scientific Report 91-2021, 2021, Wegener Center Verlag, University of Graz, ISBN 978-3-9504717-8-6.

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