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Kolumne zum Tag

Lasst uns bitte Reymont lesen, liebe Verlage!

Die einstige Textilfabrik Izrael Poznanskis in Łódź war Inspiration für Reymonts Roman. Heute ist sie ein Einkaufszentrum.BLOOMBERG NEWS
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Zahlreiche große Romane unserer osteuropäischen Nachbarn sind derzeit nicht auf Deutsch verfügbar: wie sollen wir einander als Europäer so kennenlernen?

Łódź erwachte: mit diesen beiden Worten beginnt der epochale Roman „Das Gelobte Land“ des polnischen Literaturnobelpreisträgers von 1924, Władisław Reymont. Was dann auf mehr als 750 Seiten folgt, ist Weltliteratur, auf Augenhöhe mit Émile Zola. So, wie er in „Gérminal“ Elend und Aufbegehren der Minenarbeiter im Norden Frankreichs beschrieb, schildert Reymont den wahnwitzigen Turbokapitalismus in der polnischen Textilmetropole in der Gründerzeit. Drei Freunde beschließen, eine Fabrik zu gründen: Der Pole Karol Borowiecki, der Deutsche Max Baum und der Jude Moritz Welt. „Ja, ich habe nichts, du hast nichts, er hat nichts“, unkt Max, „dann haben wir doch gerade so viel, ausgerechnet so viel, um eine große Fabrik zu gründen.“ Weil: Wo das schnelle Geld lockt, baut man auch Baumwollfabriken auf Pump, solang man die Bankiers bei Laune hält. Get rich, or die tryin', hat der Rapper 50 Cent dieses Ethos auf den Punkt gebracht, und ja: am Ende von „Das Gelobte Land“ (das übrigens Andrzej Wajda 1974 meisterhaft verfilmt hat) sind manche reich, manche tot – und kaum einer ohne Schuld.

Ich würde Ihnen nun gern nahelegen, rasch zum Buchhändler Ihres Vertrauens zu traben und sich Reymonts Roman zu kaufen. Bloß – das geht nicht. Kein deutschsprachiger Verlag hat ihn im Programm. Ich fand mit Mühen eine antiquarische Ausgabe aus 1984 der Dietrich'schen Verlagsbuchhandlung aus Leipzig. Die hat die Wende nicht überlebt. Reymonts Lücke im Angebot der deutschsprachigen Verleger ist nicht die einzige, die mich erschüttert und empört. Auch mehrere Klassiker des großen polnischen Dichters Adam Mickiewicz sind nicht erhältlich. Und das gilt für zahlreiche andere Meisterwerke aus Osteuropa gewiss genauso. Wie sollen wir einander als Europäer besser verstehen, wenn wir nicht einmal unsere jeweiligen Schlüsselromane lesen können? Liebe Verleger, falls Ihr dies hier lest: kramt in Euren Archiven – und lasst uns die vergessenen Großen auf Deutsch lesen!

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com