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Pestizidatlas

3,5 Kilo Chemie auf einem Hektar Acker

PESTIZIDE
5600 Tonnen Pestizid-Wirkstoffe landen auf den österreichischen Äckern und Obstanbauregionen.(c) APA/DPA/ARNE DEDERT (DPA/ARNE DEDERT)
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Wie viel Gift ist auf dem Acker? Wie viel Gift ist in Lebensmitteln? Diese Fragen beantwortet der „Pestizidatlas“, der am Mittwoch präsentiert wird.

Pflanzenschutz oder Gift im Lebensmittel? In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Debatte über den Einsatz von Chemie auf dem Acker. Fakten dazu liefert der „Pestizidatlas“, der am Mittwoch veröffentlicht wird. Atlanten zu den unterschiedlichsten Themen werden seit langem von der „Heinrich Böll Stiftung“ herausgegeben, die um Daten aus Österreich angereicherte Version des „Pestizidatlas“ ist eine Co-Produktion der deutschen Stiftung mit der Umweltorganisation „Global 2000“(wie bereits im Vorjahr der österreichische „Fleischatlas“).

Zwei Fragen drängen sich bei dem Thema gleich zu Beginn auf: Wieviel an Chemie ist in Lebensmitteln enthalten und sind die Konzentration gefährlich? Pauschal lässt sich das seriöserweise nicht beantworten, es ist aber davon auszugehen, dass im Normalfall der Verzehr von Obst und Gemüse aus konventioneller Landwirtschaft (nur dort dürfen Pestizide eingesetzt werden) unbedenklich ist. Gemüse ist in der durchschnittlichen österreichischen Küche in zu geringem Ausmaß vorhanden.

Die Grenzwerte werden durch Stichproben überprüft, die einerseits die Ages (Agentur für Ernährung und Gesundheit) durchführt und andererseits der Lebensmittelhandel.

5600 Tonnen Pestizid-Wirkstoffe

Aber: Wie viel Chemie landet auf dem Acker? In Österreich sind dies knapp 13.400 Tonnen (im Jahr 2020). Es ist dies die Flüssigkeit, die versprüht wird und die die 5600 Tonnen Wirkstoffe enthält. Die Wirkstoffe sind jenes Konzentrat, das die Versprechen der Herstellerfirmen erfüllen soll. Also zum Beispiel, Lebewesen die in der Landwirtschaft als „Schädlinge“ bezeichnet werden, den Garaus zu machen. Pestizide haben allerdings nicht nur die erwünschten Folgen, sondern auch unerwünschte.

Jedenfalls kommen rechnerisch auf jeden Hektar Acker 3,5 Kilo Chemie. Laut Pestizidatlas ist dieser Wert seit 2009 um mehr als 40% Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist die Aussage, dass der österreichische Gesamtverbrauch an Pestiziden gesunken ist (leicht), ebenfalls richtig. Die Auflösung: Immer weniger Fläche wird landwirtschaftlich genutzt. Tatsache ist auch, dass seit 1990 der Einsatz von Pestiziden um etwa vier Fünftel zugenommen hat. Ein paar Zahlen noch: 2020 waren 1509 Pestizide zugelassen, 2015 waren dies 1220; der Umsatz der Branche für Agrochemikalien ist von 173,1 Millionen Euro (2010) auf 257,9 Mio. € (2019) gestiegen.

Dagmar Gordon, Leiterin des Bereichs ,Biodiversität, Landwirtschaft, Ernährung und Chemie' bei „Global 2000“, bemängelt, dass die Erhebung von Daten mangelhaft sei. Es gilt zwar die Vorgabe, dass jede Bäuerin und jeder Bauer penibel zu dokumentieren hat, was an Pestiziden wann und wo ausgebracht wird, aber seitens der Behörden wird dies nicht ausgewertet. Als funktionierendes Gegenbeispiele nennt Gordon Frankreich oder Kalifornien. Im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat etwa wird der Einsatz von Agrochemikalien nicht nur penibel erfasst, sondern die Ausawertungen sind auch öffentlich zugänglich.

Die EU hat in der Strategie „Farm to Fork“ das Ziel formuliert, bis 2035 die Menge der Pestizide zu halbieren. Europaweit werden derzeit knapp 480.000 Tonnen Pestizide ausgebracht. Das Ziel scheint noch in weiter Ferne. Besonders stark werden Pestizide im Obstbau eingesetzt. Daten aus Deutschland zeigen, dass Apfelkulturen mit Abstand am stärksten mit Chemie behandelt werden, gefolgt von Wein, Hopfen und Kartoffeln. Pro Saison werden Äpfel aus herkömmlicher Landwirtschaft bis zu 20- bis 30mal besprüht.

„Bauern brauchen Unterstützung"

„In Frankreich ist bei Weinbauern Parkinson als Berufskrankheit anerkannt worden“, meint Gordon. Und weiter: „Wichtig ist, dass die Bauern gut informiert und unterstützt werden. Wir stellen fest, dass viele den Pestizideinsatz reduzieren wollen. Das ist möglich, bedarf aber einer Beratung; und einer finanziellen Unterstützung, um etwaige Produktionsausfälle für die Zeit der Umstellung zu überbrücken.“

Pestizide stehen mehrfach in der Kritik: Einerseits können sie bei Menschen Gesundheitsschäden auslösen. Das Zusammenwirken mehrerer unterschiedlicher Wirkstoffe (in Österreich sind zuletzt 248 in Verwendung gewesen; 2020) ist so gut wie gar nicht untersucht; bei einigen wird auch eine erbgutverändernde Wirkung vermutet. Außerdem gerät die Chemie in den Boden und dann weiter ins Wasser von Flüssen. Verheerend ist die Wirkung auch auf Artenvielfalt – von der chemischen Keule werden vor allem Insekten und in weiterer Folge Vögel getroffen. Pestizide sind weltweit ein Umweltproblem, insbesondere in Latein- und Nordamerika und Asien. Es gibt Studien, die zeigen, dass weltweit 385 Millionen Menschen an den Folgen vom Chemieeinsatz in der Landwirtschaft leiden. Eine Zahl derer, die daran sterben, gibt es nicht.

Kritisiert wird schließlich auch die ZUlassungsverfahren. Hier gebe es seitens der EU-Behörden Defizite. Es fehle an Distanz zur Industrie - und zu deren Gutachten.

Vor dem Hintergrund des heftigen Streits um die Genehmigung des Pestizids Glyphosat (dessen Genehmigung nur bis Jahresende befristet erteilt worden ist) stellt der Pestizidatlas auch das Ergebnis einer Umfrage dar. Grundaussage: Die 16- bis 29-Jährigen wollen überwiegend Lebensmittel mit deutlich weniger Chemie oder überhaupt ohne, dass sie zuvor mit Pestiziden behandelt worden sind.

„Harmloses CO2"

Die Landwirtschaftskammer Österreich reagierte durchaus emotional und bezeichnet den Pestizidatlas als „skurrile Vermischung von Kraut und Rüben. Die Situation in Südamerika, Afrika und Asien, wo eine vollkommen andere Landwirtschaft herrscht, kann nicht mit jener in Europa und Österreich in Verbindung gesetzt werden. Das entbehrt jeder Seriosität. Die regelmäßigen Untersuchungen der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) bescheinigen heimischen Lebensmitteln höchste Qualität und Sicherheit. Die weitaus größten Gesundheitsrisiken sind falsche Ernährung, zu wenig Bewegung und falsche Lagerung von Lebensmitteln im Haushalt."

Und weiter: „Es muss endlich Schluss sein mit unseriösen Verunsicherungen. Gerade in der heutigen Zeit sind Fakten statt Fake News gefordert." Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln sei in Österreich „nach Herausrechnen der sogenannten inerten Gase, wo im Wesentlichen harmloses Kohlendioxid gemeint ist“, rückläufig. Im übrigen seien „Österreichs Bäuerinnen und Bauern sind Nachhaltigkeits-, Tierwohl- und Bio-Weltmeister“.

„Global 2000“ meinte darauf, man nehme die „emotionale und untergriffige“ Art und Weise zur Kenntnis, kündigte aber an, dass es eine Einladung zu einem Gespräch geben werde, um das Thema sachlich zu erörtern.

Heftige Kritik übt auch die „Industriegruppe Pflanzenschutz“ (IGP). Es gebe „wie schon in der Schummelstudie vom September 2021 auch diesmal Mängel und Fehler“. Auch die Industrie argumentiert damit, dass „inerte Gase“ nicht herausgerechnet seien. Bemängelt wird auch der Hinweis auf 385 Millionen Menschen, die an den Folgen von Pestiziden leiden. Die dieser Zahl zugrundeliegende Studie enthalte „methodische Mängel sowie Unstimmigkeiten. Sie ist damit für einen wissenschaftsbasierten Diskurs nicht geeignet.“ In der IGP-Aussendung wird auf die Situation in Deutschland verwiesen, wo „1,4 Prozent aller ausgewerteten Vergiftungsmeldungen auf Kontakt mit Pestiziden“ zurückzuführen seien. Das sei Ergebnis einer Pilotstudie des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

Dieses Institut ist allerdings zuletzt bei der Zulassungsdebatte von Glyphosat heftig in Kritik geraten. Dem BfR wurde vorgeworfen, in der Bewertung von Studien zu industriefreundlich vorgegangen zu sein.

UN-Studie im Vorjahr

Die Fakten der zitierten und kritisierten Studie sind allerdings für die Experten des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) durchaus seriös genug, um dies zu thematisieren und auf internationaler Ebene beschränkende Regelungen anzustreben und diesbezüglichen Druck aufzubauen, zuletzt in einem Report im Jänner 2021. Die UNEP hat in der Arbeit wohl die Vorteile dieser chemischen Produkte anerkannt, aber auch hingewiesen, dass „die gegenwärtige und zu erwartende Produktion und Anwendung, der Mangel an effizientem Management, eine Reihe von Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit hat. Das ist nicht nachhaltig.“ Und: „Pestizide verursachen sowohl akute als auch Langzeit-Auswirkungen auf die Gesundheit.“ Die Zahl der Menschen, die an den Folgen sterben, wird von der UNEP weltweit auf 11.000 geschätzt.

Die Arbeit ist aufgrund der Verabschiedung einer Resolution in Gang gekommen; an ihr haben unter anderem Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Welternährungsorganisation (FAO) teilgenommen.

>> Der Atlas kann bei Global 2000 bestellt werden bzw. steht auf der Homepage zum Download bereit.

>> „Environmental and health impacts of pestcides and fertilizers and ways of minimizing them“