Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wohntrends

Cottagecore – die digitale Dorfidylle

(c) Marin Goleminov
  • Drucken

Der Internettrend Cottagecore romantisiert ein ländliches Leben wie zu Großmutters Zeiten und spricht dabei vor allem junge Menschen in sozialen Medien an.

Auf einer Waldlichtung fallen Sonnenstrahlen durch die Blätter, Rehkitze dösen vor sich hin, Waldpilze sprießen aus dem Boden und in der Ferne plätschert leise ein Bach. In einem mit Reetdach gedeckten Landhaus am Waldrand wird gerade ein frisch gebackenes Sauerteigbrot aus dem Ofen geholt, während helle Leinenkleider auf der Wäscheleine im Hof trocknen.

Das könnte der Anfang einer Erzählung der Gebrüder Grimm sein, bevor die unvermeidliche Dunkelheit über die Märchenwelt hereinbricht. Tatsächlich ist es die Idealvorstellung einer ästhetischen Bewegung namens Cottagecore, in der die Romantisierung ländlicher Selbstversorgung mit einer Menge an Dekor zusammenkommt, um eine außerordentlich niedliche Destillation des ruralen Daseins zu schaffen. Blümchentapeten an den Wänden, ein Bottich selbst gemachter Ribiselmarmelade auf dem Herd, gehäkelte Decken für ein Picknick im Grünen: Was Uneingeweihte als nostalgischen Landhauskitsch abtun könnten, ist für die Cottagecore-Gemeinschaft umso erstrebenswerter.

Nach fast einem Jahrzehnt, in dem die Inneneinrichtung von weiß getünchten Wänden, Monstera-Pflanzen und massengefertigten Möbelstücken aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts bestimmt wurde – einer sterilen Ästhetik, die der US-amerikanische Kulturkritiker Kyle Chayka mit dem Begriff AirSpace beschreibt – setzt sich hierzulande zunehmend der Wunsch nach Individualität und einer persönlichen Note in der Einrichtung durch. „Die Menschen wollen mit ihrer Wohnung, ihrem Haus ihre eigene Geschichte erzählen“, erklärte die Interieurdesignerin Elke Altenberger der „Presse“ schon im Jänner des Vorjahres. Zu modernem Design gesellen sich immer öfter alte Erbstücke oder Gegenstände aus Vintage- oder Antiquitätenladen.

Seit Beginn der Pandemie im März 2020 überwiegen in Einrichtung und Mobiliar natürliche Stoffe wie Holz oder Jute, nostalgische Ästhetik lebt mit Vintage-Möbeln wieder auf, erdige Nuancen und Pastelltöne zieren die Wände, Erinnerungsstücke an die Großmutter, wie das verschnörkelte Porzellan mit Blumenmuster, finden ihren Platz in der Stadtwohnung. „Altmodisches scheint Sicherheit zu geben. Das war bereits nach der Wirtschaftskrise 2008 zu beobachten und jetzt wieder – und zwar auch bei jungen Menschen“, sagt Altenberger. Für die architekturpsychologische Expertin Anja Aichinger von Anais Architektur spiegeln die aktuellen Wohntrends unsere Umwelt wider: „Die Coronapandemie und andere Krisensituationen forcieren die Rückkehr zur Natürlichkeit. Wenn in der Außenwelt Unsicherheit herrscht, wird in den eigenen vier Wänden nach Geborgenheit gesucht.“ Stile wie das naturbetonende Cottagecore seien daher gerade gefragt.


Wenn Shabby auf Romantik trifft

Cottagecore ist eine Fortsetzung von Stilen, die es bereits seit vielen Jahrhunderten gibt. Zu seinen Vorläufern gehören die Romantik, die Arts-and-Crafts-Bewegung und der Shabby Chic. Die künstlerische Bewegung der Romantik, die eine Verbindung zur Natur, zur Vergangenheit und zu den Sinnen betonte, zählt zu den größten Einflüssen der kontemporären Ästhetik. Joe Vaughan, Social-Media-Beauftragter des Museum of English Rural Life im südenglischen Reading, verfasste im August 2020 einen viel zitierten Tweet, in dem er Maria Antonia von Österreich – besser bekannt als Marie-Antoinette – als Ikone des Cottagecores bezeichnete. Im späten 18. Jahrhundert ließ Marie-Antoinette nämlich ein rustikales Dorf, unweit von Schloss Versailles, erbauen.

Inspiriert von den naturalistischen Gemälden ihrer Zeit entstand ein idealisiertes Dörfchen, das unter dem Namen Hameau de la Reine bekannt wurde. Das künstlich angelegte Dorfidyll diente Marie-Antoinette als Rückzugsort von der Strenge und Etikette des Versailler Hoflebens. Vaughan zufolge verkleidete sich die Königin des Öfteren als Hirtin oder als Milchmädchen und spielte zusammen mit ihren Bediensteten im Hameau das bäuerliche Landleben nach. Die Vorstellung, dass Marie-Antoinette sich mit ihrer Dienerschar einem idealisierten ländlichen Leben hingab, soll ihr im Gegensatz zum häufig in den Mund gelegten Kuchensager tatsächlich den Unmut des Volkes zugezogen haben.

Ende des 19. Jahrhunderts begründete der Architekt William Morris nicht nur gemeinsam mit Eleanor Marx die sozialistische Bewegung in Großbritannien, sondern auch die Arts-and-Crafts-Bewegung als Reaktion auf die industrielle Revolution. Dabei ging es um die Verherrlichung der Natur, von individueller Handarbeit und von mittelalterlichen Tugenden rund um die Artuslegende. In dieser ästhetischen Bewegung herrschte die Vorstellung, dass das Leben in der Vergangenheit in vielen Belangen besser gewesen war. Die lokalen Schwerpunkte der Stilrichtung lagen von 1870 bis 1920 in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten.

Jüngere Parallelen zur Cottagecore-Ästhetik gibt es in den 1980er-Jahren, als eine Wohnkultur namens Shabby Chic weltweit an Popularität gewann. Merkmale dieses Stils waren Einrichtungsgegenstände mit Gebrauchsspuren und Patina, eine durch natürliche oder künstliche Alterung entstandene Oberfläche. Der Wohntrend entstand nach den krisengebeutelten 1970er-Jahren. Mit den Krisen jener Zeit – darunter die Ölpreiskrise und die Stagflation in den westlichen Volkswirtschaften – ging auch ein gewisser Rückzug ins Häusliche einher, sagt Aichinger: „In den 80er-Jahren war das als Cocooning bekannt, heute erleben wir das bei Cottagecore wieder.“

Cottagecore und Internetkultur

Es dauerte bis ins Jahr 2018, als die Bilder mit idyllisch anmutender, ländlicher Szenerie auf der Internetplattform Tumblr endlich mit einem Namen versehen wurden. In jenem Jahr soll der Begriff Cottagecore erstmals zur Beschreibung der ästhetischen Bewegung verwendet worden sein, die moderne Eskapismus-Fantasien wie Tiny Houses, freiwilligen Minimalismus, ländliche Selbstversorgung und Orte ohne Internetzugang verknüpft. „Cottage“ steht dabei für Landhaus und das Suffix „-core“ wird verwendet, um Kategorien voneinander abzugrenzen.

2019 veröffentlichte eine Nutzerin unter dem Pseudonym Sora Blu mehrere Videos auf dem Videoportal TikTok, die Ausschnitte aus ihrem beschaulichen Landleben zeigten, und verhalf Cottagecore damit zu größerer Aufmerksamkeit. Bis zu eine Million Menschen erreichte sie pro Video. Blu lebte damals in den Küstenwäldern des US-Bundesstaates Washington in einem Wohnwagen und verbrachte ihre Zeit mit Pilzepflücken, Gärtnern, Kochen, Kräutersammeln oder einem Waldbad. Die häufigste Frage, die sich in der Kommentarspalte ihrer Videos stellt: „Wie?“ Wie ist so ein Leben inmitten einer idyllischen Naturkulisse möglich?

Als im Frühjahr 2020 die Coronapandemie ausbrach, nahm die ästhetische Bewegung aufgrund der weltweiten Massenquarantänen nochmals an Fahrt auf. Internetplattformen wie Tumblr verzeichneten von März bis Mai 2020 einen Anstieg von 150 Prozent an Beiträgen mit dem Schlagwort Cottagecore, und auf dem Videoportal TikTok verbuchten sie im selben Zeitraum über 252 Millionen Aufrufe. In der beschaulichen Welt von Cottagecore scheint das Coronavirus  weit weg. Vor allem Teenager und junge Erwachsene werden vom Internettrend angesprochen.

Im Juli 2020 veröffentlichte die US-amerikanische Sängerin Taylor Swift ihr achtes Studioalbum namens „Folklore“, das ein großer kommerzieller Erfolg wurde. Die prominente Verwendung von Cottagecore-Motiven in den Bildern und Texten des Albums steigerte nochmals die Popularität dieser Ästhetik: Im Musikvideo zu dem Popsong „Cardigan“ sitzt Swift in einem alten Steinhaus am Klavier, im Hintergrund brennt ein Feuer in einem Kamin. Vergilbte Fotos und naturalistische Ölgemälde hängen an den Wänden. Die Szene wirkt wie aus der Zeit gefallen. Schließlich hebt sie den Klavierdeckel, steigt hindurch und findet sich in einer idyllischen Waldkulisse wieder. Ein mit Moos bewachsenes Klavier, aus dem ein Wasserfall austritt, steht bereit. Im Songtext vergleicht sie eine alte Liebe mit der Geborgenheit einer alten Strickjacke.

Cottagecore ist also nur eine von vielen Stilrichtungen, die in den vergangenen Jahrhunderten das Landleben und die Gemütlichkeit angepriesen haben. Die ästhetische Besinnung auf nostalgische Stilelemente ging dabei stets mit technischen Revolutionen, Krisen und anderen Umwälzungen einher. Die offensichtliche Ironie dahinter: Cottagecore ist die erste Stilform, bei der oft ausschließlich über ein Smartphone aus überfüllten Wohnungen oder Vorstadtzimmern partizipiert wird. Mit dem Internet habe sich auch die Geschwindigkeit von Wohntrends geändert, erklärt Aichinger: „Internetinhalte gehen in Sekundenbruchteilen rund um die Welt. Früher haben sich Baustile durch Baumeister, die quer durch Europa gezogen sind, ausgebreitet. Das konnte schon einmal Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern.“

Eine beschauliche Utopie

So zauberhaft Cottagecore im Internet auch aussehen mag, für die meisten bleibt es eine beschauliche Utopie. Die wenigsten können sich den Traum vom rustikalen Landanwesen erfüllen und greifen daher in anderen Lebensbereichen auf die Ästhetik zurück: Leinenstoffe und 50er-Jahre-Looks in Modebelangen oder Freizeitaktivitäten wie ein Waldspaziergang oder Brot backen heben die digitale Dorfidylle ins reale Leben. Die 29-jährige Niederösterreicherin Veronika Wolf zeigt auf Instagram, wie Cottagecore auch ohne teuren Landsitz funktioniert. Unter dem Pseudonym yokonika veröffentlicht sie dort Bilder, die in warme Farben getaucht sind und vor einer Waldkulisse oder in einer Blumenwiese entstehen. Ihr Markenzeichen sind wallende Trachtenkleider, Blumengestecke im Haar oder geknüpfte Strohhüte auf dem Kopf, unter ihrem Arm ist oft ein Buch oder ein geflochtener Korb zu finden. Die Kleidung, die Wolf auf ihren Bildern trägt, bekommt sie oft kostenlos zugeschickt. Im Gegenzug verlinkt sie die Bekleidungsgeschäfte in ihren Beiträgen. 

Obwohl die Romantisierung eines ländlichen Lebens wie zu Großmutters Zeiten einen biederen Beigeschmack hat, gilt die Cottagecore-Gemeinschaft als divers und progressiv. „Die Cottagecore-Community mag die Vintage-Ästhetik, aber nicht die alten Werte. Niemand von uns hat nostalgische Gefühle für die 50er-Jahre“, meint Wolf. Die mehrgewichtige und queere Bloggerin fühlte sich beim Vintage-Trend, der häufig durch scheinbar makellose Frauen in traditionellen Geschlechterrollen transportiert wird, nicht repräsentiert. Daher begann sie 2019 ihren eigenen Instagramblog und hat seitdem viele Gleichgesinnte gefunden.

Auf dem Blog thematisiert sie außerdem ihre psychischen Probleme, um sie zu entstigmatisieren. „Cottagecore hilft mir dabei, mich selbst auszudrücken und mich selbst zu akzeptieren. Wenn ich Pflanzen um mich herum habe, ein Pilzmuster sehe oder das Gefühl von Leinen auf der Haut spüre, geht es mir gleich besser“, erzählt Wolf. Sie weiß, dass das Landleben nicht immer so idyllisch ist, wie die Cottagecore-Ästhetik suggeriert: „Cottagecore ist eine Idealvorstellung und hat nichts mit der Realität zu tun. Es idealisiert ein Leben auf dem Land, aber ohne Vorurteile und negative soziale Einflüsse.”

Veronika Wolf trägt vorrangig Second-Hand-Trachten, die in Europa produziert wurden. © privat

Wie bei vielen Internettrends geht es bei Cottagecore darum, ein gewisses Lebensgefühl zu vermitteln. Alles soll ein bisschen bunter, ein bisschen freundlicher, ein bisschen einfacher als im echten Leben sein. Es lässt sich schwer schätzen, wie viele Menschen heute tatsächlich im Cottagecore-Stil leben und für wie viele es bloß ein Traumbild bleibt, das sie im digitalen Raum aufsuchen. Wolfs Einschätzung nach geht die Entwicklung der Ästhetiken weiter: „Cottagecore wird nicht lang im Mainstream bleiben und in eine Nische rutschen, der sich aber viele Menschen zugehörig fühlen.“ Der nächste Internettrend kommt bestimmt.

Mehr erfahren

Mieten, Kaufen, Wohnen

Vier Wände für ein Halleluja

Tiny House

Der Hype ums Tiny House

Digitale Nomaden

Nomaden der Gegenwart

Barrierefrei

Barrierefrei wohnen: Ein Zugeständnis?

Geschäftsmodell

Eine Mietwohnung ist Gold wert