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Die Bewegungswissenschaftlerin Annika Kruse liefert Daten, um die Therapie für betroffene Kinder individuell anpassen zu können.
Junge Forschung

Hilft das Dehnen nur den Sehnen?

Dehnübungen gelten als Standardtherapie für Kinder, die an Zerebralparese leiden. Die Forschung von Annika Kruse an der Uni Graz liefert dazu überraschende Erkenntnisse.

Annika Kruse ist nicht nur Sportwissenschaftlerin, sondern auch selbst begeisterte Sportlerin. Ihren Aktivitätsdrang lebt sie unter anderem beim (Beach-)Volleyball sowie im Fitnessstudio aus. Und zur mentalen Gesundheit, wie sie es nennt, tragen ausgedehnte Laufrunden im Leechwald am Grazer Stadtrand bei. Was es hingegen bedeutet, sich nur eingeschränkt bewegen zu können, erlebt die 34-Jährige täglich bei ihrer Forschungsarbeit hautnah mit: Sie arbeitet mit Kindern und Jugendlichen, die an spastischer Zerebralparese leiden.

„Diese Erkrankung, die auf einer Gehirnschädigung im zeitlichen Umfeld der Geburt beruht, ist die häufigste Ursache für motorische Einschränkungen bei Kindern“, erklärt die Forscherin. Entdeckt werde sie meist, wenn Kleinkinder Schwierigkeiten beim Aufstehen bzw. beim Gehen haben oder wenn die motorische Entwicklung nicht altersgemäß verläuft. Im weiteren Verlauf kann sich die Störung unterschiedlich stark bemerkbar machen: Manche Betroffenen können sich relativ frei bewegen, manche benötigen für längere Strecken eine Gehhilfe, andere kommen gar nur im Rollstuhl voran. Dahinter stehen im Wesentlichen eine erhöhte Eigenspannung der Muskulatur, Muskelschwäche und Muskelverkürzungen sowie Ansteuerschwierigkeiten. Mitunter kommen Knochendeformitäten hinzu. Statische Dehnungsübungen gelten als wichtiger konservativer Therapieansatz und sollen operative Eingriffe hintanhalten.

Mit Ultraschall den Muskel beobachten

„Die Ergebnisse meiner bisherigen Forschung geben jedoch Hinweise darauf, dass man diesen Therapieansatz möglicherweise überdenken muss“, fasst Kruse ihre bisherige Arbeit im Rahmen eines Hertha-Firnberg-Projekts des Wissenschaftsfonds FWF am Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit der Universität Graz zusammen. Zwar nehme ihren Untersuchungen zufolge die Beweglichkeit des Gelenks unmittelbar nach Dehnübungen zu, „aber es deutet einiges darauf hin, dass das nicht an einer Entspannung der Muskeln liegt, sondern daran, dass die dazugehörige Sehne die Arbeit übernimmt und die Bewegungsausführung unterstützt.“

Mit anderen Worten: Beim Dehnen werden die Muskeln vielleicht gar nicht erreicht, eher werden die Sehnen gedehnt und dadurch vorübergehende Zustandsbesserungen erzielt. Überprüft hat das Kruse bei Kindern und Jugendlichen, die durch die Zerebralparese nur geringfügig eingeschränkt sind, mithilfe von Ultraschall-Vermessungen der Muskeln. Besonderes Augenmerk galt dabei der Wadenmuskulatur. Unterstützt wurde Kruse von ihrem Forscherkollegen Markus Tilp sowie vom Kinderorthopäden Martin Svehlik.

Die Wissenschaftlerin betont, dass die derzeit vorliegenden Ergebnisse nur die Kurzzeiteffekte wiedergeben. Wie sich regelmäßige Dehnübungen über einen Zeitraum von acht Wochen auswirken, müsse noch ausgewertet werden. Nicht auszuschließen sei jedenfalls, dass jene Dehnübungen, von denen man sich bisher Hoffnung versprach, sogar nachteilige Auswirkungen haben: Die spastischen Muskeln könnten noch schwächer werden. „In der weiteren Forschungsarbeit wird man herausfinden müssen, welche Faktoren hier einfließen“, gibt Kruse zu bedenken. Die gebürtige Deutsche, die in ihrer Heimatstadt Kiel studiert hatte, ehe sie über ein Stipendium vor acht Jahren den Weg nach Graz fand und dort ihre Doktorarbeit schrieb, will noch mehr entdecken.

„Möglicherweise funktioniert das Dehnen ja nur bei einigen Betroffenen nicht und bei anderen sehr wohl, und man muss noch stärker individualisiert vorgehen. Vielleicht muss man aber auch Dehn- und Kräftigungsübungen kombinieren oder bereits im Kleinkindalter ansetzen.“ Die immer neuen Fragestellungen sind es auch, die Kruse für die Arbeit als Forscherin begeistern: „Ich fühle mich in der Wissenschaft gut aufgehoben, da es ständig neue Aspekte gibt und man kreativ sein kann und muss.“ Und letztlich gibt es ein gutes Gefühl, wenn man dazu beitragen kann, dass anderen gelingt, was man selbst gern tut. Zum Beispiel eben, sich möglichst frei bewegen zu können.

Zur Person

Annika Kruse (34) wurde in Kiel (D) geboren und forscht seit 2014 am Institut für Bewegungswissenschaften, Sport und Gesundheit der Uni Graz. In ihrer Doktorarbeit (2018) befasste sie sich mit den Muskelveränderungen und den Auswirkungen von Krafttraining bei Kindern mit spastischer Zerebralparese. Als Stipendiatin widmet sie sich nun Detailfragen aus diesem Forschungsbereich.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2022)