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Literaturwissenschaft

Wie Science-Fiction uns dabei hilft, eine bessere Welt zu denken

Transcript-Verlag
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Dagmar Fink erkundet in ihrem Buch den Cyborg-Mythos in Zukunftsromanen und theoretischen Gesellschaftsanalysen.

Ob in düsteren Zukunftsvisionen oder utopischen Vorstellungen des Zusammenlebens – in der Science-Fiction-Literatur kommt dem Cyborg, diesem Mischwesen aus Mensch und Maschine, eine bedeutende Rolle zu. „Cyborgs sind zuallererst technomilitärische Figuren“, sagt die Wiener Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Dagmar Fink. Nicht nur in den Kontexten von Kybernetik oder Raumfahrt, für die sie ursprünglich konzipiert wurden. So spiegelt sich das in diesem Entstehungszusammenhang geprägte Bild vom technologisch aufgerüsteten Krieger auch in zahlreichen Science-Fiction-Geschichten wider. Man denke an Filme wie „Terminator“ oder Fernsehserien wie „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“.

Was im fiktionalen Genre auffällt, ist die stereotype Männlichkeit der Mensch-Maschine-Wesen. „Weibliche Cyborgfiguren hingegen repräsentieren meist entweder die Fantasie der ,perfekten‘ Frau, die sich als Maschine erweist, wie in ,Blade Runner‘, oder als hypersexualisierte, fetischisierte Femme-fatale-Maschine nicht mit übermenschlichen Kräften, sondern mit übermenschlichen Brüsten“, so Fink. Schon in den 1980er-Jahren eröffnete die US-amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway mit ihrem „Manifest für Cyborgs“ eine neue Lesart. Sie kaperte die futuristische Figur aus sexistischen Erzählungen und stellte sie in den Mittelpunkt eines feministischen Konzepts. Es erzählt bekannte – patriarchale, rassistische und heteronormative – Geschichten anders.

Literatur als Experimentierfeld

Fink erkundet nun ihrerseits in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Cyborg werden“ (Transcript) den Cyborg-Mythos – in Haraways Konzeption, aber auch in der Literatur. Im Zentrum stehen die Cyborg-Versionen des Romans „Er, Sie und Es“ (1991) von Marge Piercy um den Kampf der jüdischen Siedlung Tikva gegen einen Weltkonzern. „Ich verstehe Science-Fiction als Experimentierfeld, das es ermöglicht, alternative Konzeptionen in eine fiktive Realität zu übersetzen“, erklärt sie ihren Zugang. Die Leserschaft habe durch die Literatur die Möglichkeit, an anderen Weltentwürfen emotional teilzuhaben. Die spekulative Form des Schreibens wandelt so abstrakte Theorien einer möglichen Zukunft in konkrete Erzählungen um. Das sei auch ein „wertvolles Experimentierfeld für feministische Konzeptionen“.

Haraways Manifest ist in einer Zeit fundamentaler gesellschaftlicher Umbrüche rund um Entwicklungen in den Technowissenschaften erschienen. Sie habe darin deutlich gemacht, dass in der Gegenwart immer verschiedene Zukünfte angelegt seien, so Fink. Um diese überhaupt erkennen zu können, müssten aber alle Blickwinkel berücksichtigt werden. Sowohl literarische Dystopien als auch Utopien – erdrückende Herrschaftsverhältnisse auf der einen, alternative Gesellschaftsentwürfe auf der anderen Seite – warnten damals vor den Konsequenzen des Wandels vom Industriekapitalismus zum globalisierten Spätkapitalismus, vom organischen Denken zu einem von der Kybernetik geprägten Denken. „Doch wurde Technik hier oftmals einzig als Herrschaftsinstrument charakterisiert, dem Natur und organischer Körper gegenübergestellt wurden.“ Haraway habe einen Perspektivenwechsel vorgeschlagen und gefragt, wie neue technologische Entwicklungen möglicherweise auch für alternative Ziele genutzt werden können. Die uneindeutige und ambivalente Figur des Cyborgs, der weder natürlich, noch künstlich, weder Mann noch Frau, weder weiß noch schwarz ist, sondern alles zugleich, sei dafür prädestiniert.

Schon in ihrer frühen Forschung setzte sich Fink mit fiktionalen Visionen des feministischen Katastrophenfalls – hinsichtlich Subjektivierung, Sexualität und reproduktiver Rechte – sowie gleichberechtigten Gesellschaftsutopien auseinander. In ihrem neuen Buch macht die Literaturwissenschaftlerin vor allem deutlich, welche theoretischen Einflüsse nicht nur die Technowissenschaften, sondern auch die Arbeiten postkolonialer und feministischer Autorinnen wie Audre Lorde, Chela Sandoval und Cherríe Moraga auf das Cyborg-Konzept haben.

Über Jahrzehnte hinweg hatte die Forschung lediglich weiße Autoren im Blick, da gelte es noch viel aufzuarbeiten: „Die Darstellung der Science-Fiction als weiß und männlich ist schlicht unrichtig.“ In der Gegenwartsliteratur hervorhebenswert seien etwa die „Broken Earth“-Trilogie von Nora Keita Jemisin, die Science-Fiction mit dem Fantasy-Genre, strukturellem Rassismus und Umweltzerstörung verbindet, oder die Coming-of-Age-Erzählung „Midnight Robber“ von Nalo Hopkinson, die aus einer afrokaribischen Perspektive über Technikentwicklungen spekuliert.

Dagmar Fink, „Cyborg werden“
Transcript-Verlag, 294 Seiten
42 Euro (E-Book: Open Access)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.01.2022)