Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

„Er ist absolut stubenrein“, erzählte er mir, ein vornehmer Hund, sogar mit dem Furzen halte er sich zurück.
Premium
Vorabdruck

Wie nenne ich dich?

Mein Bruder fiel ins Wasser. Ruderte mit den Armen. Prustete, schnaubte, schluckte. Rief nach seinem Hund Schamasch. Der schaute ihm zu, ein privater Gott, der nicht hilft. Auszug aus dem nächste Woche bei Hanser erscheinenden Roman „Löwenherz“ von Monika Helfer.

So war mein Bruder Richard: Er dachte beim Gehen ans Liegen, beim Sitzen ans Liegen, beim Stehen ans Liegen, sogar beim Fliegen dachte er ans Liegen. Dachte immer ans Liegen.

Er schlenderte vor sich hin auf seinen verqueren Beinen, wohin sie ihn eben führten, vor sich hin, der Kopf nämlich den Beinen voraus, der wurde ja nicht von der rauen Erde gebremst. Er hob flache Steine auf, ließ sie übers Wasser hüpfen, gern war er beim Wasser. Er bückte sich nach einer Blindschleiche, setzte sie sich auf den nackten Arm und summte ihr etwas vor, „Going Up The Country“ von Canned Heat, und dachte sich dabei in einen fernen Dschungel, wo ihre großen Schwestern Angst und Schrecken verbreiteten. Ein anderer, der hatte verquere Arme, hatte ihm erzählt, Blindschleichen könnten Gesprochenes von Gesungenem unterscheiden, ebenso wie Schlangen. Auch Fische, sagte er, kämen angeschwommen, wenn man sich mit einem Kassettenrekorder und der entsprechenden Musik ans Ufer setze und dabei selber eine Ruhe gebe.

Mein Bruder hatte den ganzen Tag über den ganzen Himmel in den Augen, und wenn die Blindschleiche dabei von seinem Arm fiel, kümmerte er sich nicht weiter um sie – jedem sein eigenes Durchkommen, ob Tier oder Mensch. Er sah aus wie der hübsche Bruder von Alan Wilson, dem Sänger von Canned Heat, der war damals schon tot, er hatte sich mit siebenundzwanzig das Leben genommen – Richard würde es mit dreißig tun. Ein Hund lief ihm nach, einer, der verschiedenste Vorfahren vorzuweisen hatte, ein struppiger, knapp übers Knie hoher, eine Sympathie war gleich zwischen ihnen. Er begleitete ihn, bis es eindunkelte und die Sträucher wie Gespenster aussahen. Vor dem Haus, in dessen zweitem Stock er wohnte, bückte sich Richard zu dem Hund nieder und sagte und sprach zu dem Tier im Ton erst wie ein Lehrer zu einem Schüler, dann wie ein Priester zu einem Ministranten, zuletzt wie ein Komiker zu seinem Kompagnon auf der Bühne: „Bleib bei mir, geh nicht fort! Ich nenne dich, wie nenne ich dich, wie nenne ich dich, ich nenne dich: Schamasch. Du bist mein Sonnengott. Sei Gast in meiner Hütte, und wenn es geht, scheiß mir nicht in eine Ecke.“ Die Zukunft würde geschehen. So oder so. Für Mensch wie für Tier. Ein Hölzchen in den Weg legen konnte man ihr immerhin.