Auch unter dem Schotter, da liegt der Strand

In Gorleben wird „geschottert“, und die Gegner des Abfalllagers fahren mit Traktoren auf: zur Symbolik der Baustoffe und Baufahrzeuge.

Schottern oder nicht? Das fragt man einander derzeit in Gorleben: Wer sich zum Schottern bekennt, ist „militanter“ als der, der nicht schottern mag. Das entnimmt man deutschen Zeitungen. Aber was versteht man in Gorleben unter „schottern“? Nicht das, was der Wiener damit meint: Wenn in Ottakring oder Favoriten die Buben schottern, dann laufen sie, meist eben über Schotter, über Kies.

Das deutsche „schottern“ hat auch nichts mit „Schotter“ in der Bedeutung „Geld“ zu tun. Es sollte eigentlich „entschottern“ heißen, denn es bedeutet die Entfernung von Schotter aus dem Gleisbett der Eisenbahn: So wollen manche Gegner des Abfalllagers in Gorleben den Transport von Atommüll via Eisenbahn verhindern.

Die Proteste in Gorleben haben reiche Tradition. Das niederdeutsche Örtchen ist für die Anti-Atomkraft-Bewegung ein Begriff wie sonst nur Wackersdorf in Bayern – dort wurde so lange gegen eine Wiederaufbereitungsanlage protestiert, bis der Bau 1989 gestoppt wurde – und Zwentendorf in Niederösterreich. Schon 1980, als die ersten Probebohrungen stattfanden, erbauten Atomkraftgegner ein Hüttendorf namens „Freie Republik Wendland“, der Spruch „Gorleben soll leben“ entstand spätestens 1986.

Die Verhinderung von Bauprojekten ist für die Grünen und NGOs wie Greenpeace oft ein Schlüsselereignis, die „Kämpfe“ 1984 gegen das Staukraftwerk in der Hainburger Au gelten den österreichischen Grünen als Gründungsmythos, mit der Bauarbeitergewerkschaft als altböser Feindin.

Die Anti-Baustoff-Rhetorik ist noch älter: „Sous les pavés la plage“, hieß es schon 1968 in Paris. „Unter dem Pflaster, da liegt der Strand“, sang in den 70ern die Frauenband „Schneewittchen“: „Komm, reiß auch du ein paar Steine aus dem Sand.“ Daniel Cohn-Bendit gab ab 1976 in Frankfurt das Stadtmagazin „Der Pflasterstrand“ heraus. Als die deutsche Punkband „S.Y.P.H.“ 1980 „Zurück zum Beton“ sang, war das eine scharfe Antithese zur Naturromantik der Hippie-Generation.

Aus dem grünen Milieu ist die Anti-Beton-Metaphorik indessen in die allgemeine politische Rhetorik aufgestiegen. Als „Betonierer“ werden nicht mehr nur Verfechter von umstrittenen Bauprojekten geschmäht, sondern auch Verteidiger von sogenannten „verkrusteten“ Strukturen.

Traktoren dagegen, so umweltverschmutzend sie sein mögen, sind in Gorleben zu Symbolen der Gegner geworden: Nicht nur Bauern blockieren die Straßen mit ihnen, auch Jürgen Trittin, Fraktionschef der Grünen, und Gregor Gysi von den Linken steuerten solche ruralen Fahrzeuge durchs Wendland. Dort habe sich keine Führungspersönlichkeit der Grünen nehmen lassen, „das urige Gefährt zu besteigen“, höhnt die „FAZ“: „Wer nicht Trecker fahren konnte, sah ganz alt und ungrün aus.“ So ließe sich ein Gorleben-Showdown als Kampf der Maschinen inszenieren: Traktor gegen Betonmischer, in Schutt, Schotter und Staub.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2010)

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