Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Der ökonomische Blick

Langzeitfolgen von Covid-19: Schlechte Prognosen für junge Menschen

Girl wearing mask and schoolbag walking along building
Getty Images/Westend61
  • Drucken
  • Kommentieren

Die Schulschließungen und veränderten Lern-Bedingungen belasten. Außerdem mussten viele Junge mitten in einer Mega-Rezession in den Arbeitsmarkt eintreten. Welche wirtschaftlichen Konsequenzen können wir erwarten?

Schulschließungen, Teil- und Zoom-Unterricht sowie veränderte Prüfungsanforderungen plagen unsere Schüler und Schülerinnen seit fast zwei Jahren – weitere Eskalationen sind nicht ausgeschlossen. Viele, die von der Schule abgegangen sind, mussten in einer Mega-Rezession in den Arbeitsmarkt eintreten. Welche mittel- bis langfristigen Konsequenzen können wir aus diesen Problemen erwarten?

Mittlerweile gibt es viele Erhebungen über Verluste von kognitiven und sozial-emotionalen Fähigkeiten bei Kindern und Jugendlichen, die relativ gute Abschätzungen der mittelfristigen Einkommensverluste erlauben. Wenn junge Menschen mitten in einer Rezession ins Erwerbsleben eintreten, ergeben sich auch große Probleme; diese Effekte sind sehr gut erforscht; sie beziehen sich allerdings (klarerweise) auf Langfristeffekte vergangener Rezessionen und können daher für die Covid-Krise als Maßstab dienen.

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

>>> Alle bisherigen Beiträge

Langfristige Covid-Schäden

Zwei Zeitverwendungsstudien für Deutschland (Werner und Wössmann) zeigen, dass die tägliche Lernzeit (also Zeit, die für schulrelevante Dinge verwendet wurde) von 7,5 Stunden pro Tag in Pre-Covid-Zeiten auf 3,7 Stunden im Lockdown 2020 und auf 4,5 Stunden im Lockdown 2021 zurückgegangen ist. Darüber hinaus reduzieren schwächere Schülerinnen und Schüler die Lernzeit um eine halbe Stunde mehr als stärkere. Weitere Probleme ergeben sich aus der Notwendigkeit des Social Distancing: Es gibt weniger Kontakt mit anderen in und nach der Schule, sodass der Lernfortschritt bei schlechten Schülerinnen und Schülern zurückbleibt. Eltern sehen das genauso: Eltern mit akademischem Background finden zu 14 Prozent, dass ihre Kinder viel weniger zu Hause lernen; Eltern ohne akademischen Background zu 22 Prozent, solche mit lernschwächeren Kindern sogar zu 26 Prozent.

Die größere Betroffenheit Lernschwächerer zeigt sich auch beim Beitrag der Eltern: Eltern gleichen einen kleinen Teil der verlorenen Lernzeit ihrer Kinder durch eigene Betreuung aus; dieser Beitrag ist bei lernschwachen Kindern wesentlich geringer. Studien für andere Länder bestätigen diese Trends.

Schülerinnen und Schüler verwenden weniger Zeit zum Lernen. Wie wirkt sich das auf Tests und Kenntnisse aus? Studien in den Niederlanden können im Vergleich der Jahre 2017 bis 2019 und dem Covid-Jahr 2020 zeigen, dass eine achtwöchige Schließung der Volksschulen zu einer Reduktion der Lernleistung (Test-Scores) in Mathematik, Schreiben und Lesen von einem Fünftel des Jahresfortschritts geführt hat (Engzell, Frey und Verhagen). Studien für Deutschland kommen sogar zu noch größeren getesteten Verlusten. Gleichermaßen zeigt sich für die Niederlande, dass der Verlust bei Kindern von Eltern ohne Matura um 40 Prozent größer ist.

Kognitive Fähigkeiten beeinflussen auch das Lebenseinkommen. Verwendet man gängige Modelle, so ergibt der obige Verlust von einem Fünftel der Lernleistung eines Jahres einen Einkommensverlust von 1,5 Prozent - einen Einkommensverlust, der lebenslang wirkt, das heißt das erwartete Einkommen ist in jedem Jahr um 1,5 Prozent geringer. Das sind erschreckende hohe Einkommensverluste für die betroffenen Schülerinnen und Schüler. Diese Berechnungen wurden nur für eine achtwöchige Schulschließung berechnet - viele werden wahrscheinlich länger an einer schlechten Lernsituation zu leiden haben.  

Der erste Job in der Rezession

Der erste Job hat eine große Bedeutung für das Erwerbsleben. Startet mein erster Job in einer Rezession, wie im Jahr 2020, so muss ich mit mittel- bis langfristig niedrigerem Einkommen rechnen. Da es für langfristige Effekte der Rezession 2020 noch zu früh ist, greifen wir auf Effekte früherer Rezessionen zurück.

Till von Wachter hat eine Vielzahl von Studien zu diesem Thema zusammengetragen und kommt zu folgenden Ergebnissen: Berufseinsteiger finden weniger und schlechtere erste Angebote, bleiben länger in einem schlechten Job und verpassen in den so wichtigen ersten Berufsjahren wichtige Abzweigungen zu besseren Firmen, Beförderungen oder schnellem Lohnwachstum. Berufsanfänger in einer Rezession haben daher in den ersten zehn Jahren Einkommen, die oft fünf bis zehn Prozent unterhalb einer Vergleichsgruppe liegen. Diese Verluste sind wiederum stärker für schlechter ausgebildete und entstehen dadurch, dass die Neueinsteiger bei schlechteren Firmen und zu schlechteren Bedingungen anfangen. Gleichermaßen ergeben Studien, dass solche Neueinsteiger weniger gesund sind, mehr rauchen und sozial unausgeglichen sind.

Diese Effekte einer Rezession zeigen sich insbesondere bei den Berufseinsteigern, weil die ersten Jahre im Job entscheidend für die weitere Karriere sind. In Österreich zeigt eine Studie von Personen, die 22 Jahre beobachtet wurden, dass Neueinsteiger, die in einer Rezession in den Arbeitsmarkt eintreten, mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Karriere mit eher wechselhaften Jobs oder tendenziell fallenden Einkommen zu verzeichnen haben (Frühwirth-Schnatter, Pamminger, Weber und Winter-Ebmer).

Covid-19 hat schwerwiegende langfristige Effekte auf junge Menschen, die nur selten in der Kalkulation der Entscheidungsträger aufscheinen. Nun ist es echt Pech, dass wir die Covid-19-Pandemie durchleiden müssen und in vielem eingeschränkt sind. Schülerinnen und Schüler, sowie Berufseinsteiger haben aber doppeltes Pech. Neben allen aktuellen Problemen müssen sie auch mit mittel- bis langfristig wesentlich schlechteren Berufschancen rechnen. Wir sollten sie nicht im Regen stehen lassen.

Der Autor

Rudolf Winter-Ebmer ist Vorstand am Institut für Volkswirtschaft der JKU Linz und Präsident der Nationalökonomischen Gesellschaft. 

Rudolf Winter-Ebmer
Rudolf Winter-Ebmer

Quellen:

Per Engzell, Arun Frey und Mark Verhagen, „Learning loss due to school closures during the Covid-19 pandemic”, Proceedings of the National Academy of Sciences 118(17): e2022376118.

Sylvia Frühwirth-Schnatter, Christoph Pamminger, Andrea Weber und Rudolf Winter-Ebmer, “Labor market entry and earnings dynamics: Bayesian inference using mixtures-of-experts Markov chain clustering”, Journal of Applied Econometrics 2011.

Till von Wachter, ”The persistent effects of initial Labor Market conditions for young adults and their sources”, Journal of Economic Perspectives 34, 4, 2020, 168-194.

Katharina Werner und Ludger Wössmann, “The legacy of Covid-19 in education”, CESifo Working Paper 9358, 2021.

Mehr erfahren

Der ökonomische Blick

Bitcoin und Co. als Schneeballsystem

Der ökonomische Blick

EZB: Ein Hilferuf an die Regierungen der Eurozone

Der ökonomische Blick

Was bringt das Anti-Teuerungs-Paket?

Ökonomischer Blick

„Netto-Null“-Emissionen: Ist das in Österreich möglich?

Der ökonomische Blick

Der Drahtseilakt der EZB

Der ökonomische Blick

Das Öl-Embargo als Chance für die Klimapolitik