Martin Walser berauscht sich am Ruhm Ernst Jüngers

(c) AP (Fritz Reiss)
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Eine larmoyante Festrede zur Marbacher Jünger-Schau Arbeiter am Abgrund wurde zum Lob auf große deutsche Herren. Frank Schirrmacher, die Leitfigur der deutschen Tageszeitung „FAZ“, war leider unpässlich.

Frank Schirrmacher, die Leitfigur der deutschen Tageszeitung „FAZ“, war unpässlich, also musste der deutsche Schriftsteller Martin Walser in die Bresche springen und am Sonntag in Marbach am Neckar die Festrede auf den umstrittenen, wiewohl ungeheuer produktiven und genialen deutschen „Jahrhundert“-Autor Ernst Jünger (1895 bis 1998) halten. Dem ist im Deutschen Literaturarchiv (Schillerhöhe 8) im Literaturmuseum der Moderne bis 27.3.2011 eine Ausstellung gewidmet, „eine Einführung in Jüngers langes Leben und umfangreiches Werk für den Jünger-unkundigen Besucher“, wie die Veranstalter schreiben.

Zu den Unkundigen zählte lange auch Walser: Dass er Jünger wenig beachtete, „ist mein größtes Versäumnis geworden und geblieben“. Er ist ihm auch einmal begegnet. 1964, bei einer Feier, sei er ihm gegenübergesessen, habe ihn ignoriert. Für Jünger sei er wohl „einer dieser Gruppe-47- Kerle“ gewesen, so Walser. Ein Linker gar. Es fiel ihm also aus gutem Grund keine „Verehrungsbotschaft“ ein. Erst durch die Jünger-Biografie Helmuth Kiesels kam vor Monaten die Läuterung. Die aber war stark. Walser teilt mit dem „Meisterlichen“ sogar seine „Leselieblinge“ Kafka (über den er dissertierte), Dostojewski, Swedenborg und Lawrence Sterne. Alle auf Augenhöhe?

Jünger war durch „In Stahlgewittern“ (1920), die ästhetisierte und bis 1978 sieben Mal verfeinerte Verarbeitung seiner Fronterfahrungen im Ersten Weltkrieg, berühmt geworden – und geblieben, bis zu seinen Aufzeichnungen „Siebzig verweht“. Der passionierte Käfersammler war ein eiskalter Beobachter. 280 Tagebücher hat er geschrieben, vom zum Teil noch ungeschickten, psychopathische Züge enthüllenden Kriegstagebuch eines Teenagers bis zu den Aufzeichnungen eines weisen Alten.

Vom Käferflügel bis zum Atompilz

Walser liebt Jüngers Sprachkraft, den Willen, „in jedem Augenblick über alles“ zu schreiben: „vom Käferflügel bis zum Atompilz“. Er beklagt die „Wolkenschieber des Zeitgeistes“, die es Jünger mit „trivialen Gerüchten“ vergolten hätten, dass er nicht aufhören konnte, den Krieg zu beschreiben.

Welcher Geist aber, wenn nicht der Zeitgeist, treibt Walser an? Das enthüllt er am Schluss: „Als ich in den Orden Pour le Mérite aufgenommen wurde, in dem immer 36 Deutsche figurieren, merkte ich bald, dass zwei Namen nie zur Wahl standen: Ernst Jünger und Martin Heidegger.“

Warum wohl? Ein „Wolkenschieber“ würde sagen: Weil Heidegger in der Nazizeit eine dubiose Rolle spielte und Jünger in seiner radikalen Herrenmenschen-Anarchie selbst den Nazis unheimlich war. Aber das wäre zu trivial. Vielleicht genügt es, den Briefwechsel von Heidegger und Jünger (1949 bis 1975) zu lesen, etwa jene Passage, in der die beiden alten Herren sich echauffieren, weil Karl Jaspers Heinrich Heine für einen der größten deutschen Dichter hielt. Heine statt Nietzsche! Wie undeutsch! Eher noch ginge es für sie wohl an, dass Carl Schmitt in den Orden aufgenommen worden wäre. Der hat immerhin Letztgültiges über die Herren gesagt: Jünger? „Strandgut des Wilhelminismus“. Heidegger bestehe „die Probe des Comebacks mit dem Prädikat voll befriedigend; Gottfried Benn ganz großartig, Ernst Jünger fällt elend durch.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2010)

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