Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Mein Dienstag

Generation Videothek

Videotheken sind für Cineasten das, was das Wunderland für Alice ist.Presse Seidler
  • Drucken

Underdogs, umgeben von Heldengeschichten. Das macht den Charme einer Videothek aus.

Wer Filme liebt, älter ist als 30 und sich Kino nicht immer leisten konnte, hat in seinem Leben viel Zeit in Videotheken verbracht. Kennt die Atmosphäre dort, die Gemeinschaft. In einer Videothek sind alle gleich. Und alle auf der Suche. Manche wollen zum Lachen gebracht werden, manche zum Nachdenken, manche zum Staunen. Was sie alle eint, ist ihre Leidenschaft für Geschichten, die sie aus ihrem Alltag reißen.

Bis der perfekte Film für den Abend gefunden ist, vergehen schon einmal Stunden. Klappentexte lesen, bekannte Gesichter treffen und sie nach ihrer Meinung fragen, den Videothekar um eine Empfehlung bitten – Cineasten wissen, dass über Filme zu reden manchmal sogar noch schöner sein kann, als Filme zu sehen.

Vor allem in einer Videothek, die immer auch ein Auffangbecken für Träumer ist. Für Underdogs, die in den zwei Stunden, in denen sie sich auf ihre heutige Heldenreise begeben, sein können, wer sie wollen. Und nicht sein müssen, wer sie sind. Vielleicht sind in Videotheken deswegen so viele Menschen anzutreffen, die allein da sind. Die irgendwie abwesend und müde wirken, während sie Dutzende VHS- und DVD-Covers abscannen – in der Hoffnung, bei ihrer Auswahl ein gutes Händchen zu haben.

Wie viele Stunden müssen so vergangen sein? An wie vielen Abenden? Wie viele Jahre lang? Bis Raubkopien und Streamingdienste Videotheken eine nach der anderen in die Knie gezwungen haben. Jugendliche von heute können es kaum glauben, wenn sie hören, dass ihre Eltern früher irgendwohin gefahren sind, um einen Film auszuleihen und zu Hause anzusehen. Netflix, Amazon Prime Video und HBO Max sind für sie nur ein paar Wischbewegungen auf ihren Tablets entfernt. Ganz ohne Zeitverschwendung.

Was sie aber nicht wissen: Das Hinfahren, Aussuchen, Ausleihen, überteuerte Nachos kaufen und Zurückfahren ist wie das Aufwärmen vor dem Sport, das Vorspiel vor dem Sex, der Appetizer vor dem Essen. Für die Generation Videothek war keine einzige Minute, die sie darin verbracht hat, vergeudet.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com