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Gastkommentar

Der Umstieg auf grüne Energien ist ohne Verzicht möglich

CHINA-ECONOMY
China produziert heute drei Viertel der weltweiten Photovoltaik-Module.APA/AFP/STR
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Wir müssen weder auf Konsum verzichten noch den Kapitalismus abschaffen, sondern lediglich unser Energiesystem radikal umstellen.

Die schlechte Nachricht zuerst: Wir können den Klimawandel nicht mehr verhindern. Die Erderwärmung werden wir im Vergleich zur vorindustriellen Zeit nicht mehr auf 1,5 Grad oder unter zwei Grad weltweit begrenzen. Die Schwelle von 1,5 Grad wird voraussichtlich 2030 erreicht. Die Welt wird heißer, der Klimawandel wird sich beschleunigen. Auch in Europa. Die „Jahrhundertfluten“ der Jahre 1997, 2002 und 2021 sind Vorboten einer neuen Ära. Die gute Nachricht lautet: Wir können die Klimakatastrophe vermeiden.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Im Sommer 2020 erschien der neue Bericht des Weltklimarates (IPCC) mit einer schlechten Nachricht für unsere menschliche Zukunft: Das Klima erwärmt sich irreversibel. Die Folgen in Form von Hitze, Dürre, Orkanen und Überschwemmungen sind längst spürbar und treten schneller und öfter ein. Der Bericht enthält aber auch eine gute Nachricht: Die Anpassung an den Klimawandel ist möglich. Die öko-soziale Transformation steht für eine historisch noch nie dagewesene Investition. Die Vereinten Nationen schätzen die weltweiten Kosten der Klimaanpassung auf 140 bis 300 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist wenig angesichts der wirtschaftlichen Schäden eines „Weiter so". Schätzungen zufolge wären es bis zu 23 Billionen Dollar bis Mitte des Jahrhunderts. 

Die grünen Supermächte

Die globale ökologische Transformation ist längst im Gang, die Nachfrage nach grüner Infrastruktur steigt exponentiell. Auf der Weltklimakonferenz in Glasgow im November letzten Jahres haben sich erstmals 197 Staaten dazu verpflichtet, aus der Kohle auszusteigen bzw. sie nicht weiter zu subventionieren. An der Spitze der grünen Klimabewegung sind die großen Industriestaaten.

China produziert heute drei Viertel der weltweiten Photovoltaik-Module und kontrolliert mehr als ein Drittel des Windturbinen-Marktes. Das Reich der Mitte will seine globale Infrastrukturinitiative, die Neue Seidenstraße, zunehmend ökologisieren, 2030 den Höhepunkt seiner CO2-Emissionen erreichen und bis 2060 klimaneutral sein.

Die westlichen Industrieländer haben mit dem „Build Back Better World“ (USA), der „Clean Green Initiative“ (Großbritannien) und dem „Green New Deal“ (EU) drei Initiativen auf den Weg gebracht. Danach wollen die USA bis 2050 klimaneutral werden. Bis 2035 soll die Stromversorgung komplett auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Die Europäische Union hat mit dem „Fit for 55“-Paket das größte Paket seit Bestehen geschnürt und will bis 2045 klimaneutral sein, fünf Jahre vor den USA und 15 vor China. Fast 90 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen fallen unter das Abkommen und werden bis 2050 neutralisiert.

Ein neues Wirtschaftswunder

Ein globaler Zukunftsmarkt entsteht mit globalen Klimainvestitionen von ein bis zwei Billionen Euro jährlich. Der neue grüne Kapitalismus kann nicht nur eine bessere Welt schaffen, sondern uns auch wohlhabender machen und dafür sorgen, dass es gerechter zugeht als im alten Kapitalismus. Es geht um Gewinne und Jobs. Mutige Maßnahmen für den Klimaschutz erhöhen die globalen Unternehmensgewinne um 26 Billionen US-Dollar jährlich und könnten in den nächsten 12 Jahren 65 Millionen neue Jobs weltweit schaffen. Das Wachstum an Einkommen würde die Mehrausgaben für Investitionen bei weitem übertreffen. Der UN-Klimarat schätzt die gesamten negativen Auswirkungen des Klimawandels bis 2070 auf 0,2 bis zwei Prozent des Einkommens pro Person weltweit und geht davon aus, dass im Durchschnitt jeder Mensch auf der Welt bis 2070 um 356 Prozent reicher sein wird als heute.

Umstieg statt Ausstieg

Nimmt unser Ressourcenverbrauch trotz steigendem Wirtschaftswachstum und Konsum ab, müssen wir ökologisch nicht auf Kosten nachfolgender Generationen oder anderer Weltregionen leben. Wenn wir es schaffen, die fossilen Energieträger bis 2040 weitgehend durch erneuerbare Energieträger zu ersetzen, werden wir unsere sonstige Wirtschafts- und Lebensweise nicht grundlegend verändern müssen. Wir müssen weder auf Konsum verzichten noch den Kapitalismus abschaffen, sondern lediglich unser Energiesystem radikal umstellen. Der Umstieg auf grüne Energien ist ohne Ausstieg aus unserem bisherigen Leben innerhalb einer Generation bis 2050 möglich.

Künftige Wissenschaftler werden die nächste Generation eines Tages „Re-Generation“ taufen. Diese Generation wird lernen, mit dem Klimawandel zu leben und die Klimakatastrophe verhindern. Vor uns liegt eine neue Epoche: Das „post-ökologische Zeitalter“. Klimaschutz und Klimaanpassung werden zum selbstverständlichen Teil unseres Lebens.

Dr. Daniel Dettling ist Zukunftsforscher und leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de).
Sein neues Buch: „Eine bessere Zukunft ist möglich. Ideen für die Welt von morgen“ (Kösel).