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Wiener Innenstadt

Der Aufschrei der Wiener Händler

Seitdem sie die 2-G-Kontrollen vornehmen müssen, sei noch weniger los, sagen Händler der Wiener Innenstadt.
Seitdem sie die 2-G-Kontrollen vornehmen müssen, sei noch weniger los, sagen Händler der Wiener Innenstadt.APA/GEORG HOCHMUTH
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Kaum internationale Touristen, jedes Wochenende Demonstrationen inklusive Polizeiaufgebot und seit kurzem auch 2-G-Kontrollen. Die Innenstadt-Händler leiden und sehen sich im Vergleich zum Skitourismus vernachlässigt.

Die Wiener Innenstadt wirkt dieser Tage wie eine große Baustelle. An allen Ecken und Enden wird gebaut, am Neuen Markt ebenso wie bei der Peterskirche und in einem Teilbereich des ehemaligen Meinl am Graben. Auch an kleineren Stellen wird die Ruhe genutzt, um die ein oder andere Sanierung vorzunehmen. Passend dazu fahren ein paar große Kranwägen und Lastwagen vor, um die prunkvolle Weihnachtsbeleuchtung am Graben wieder einzupacken.
Das Weihnachtsgeschäft ist vorbei, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es gar nicht richtig da war. Immerhin fiel bekanntlich ein dreiwöchiger Lockdown in die Zeit. Jetzt sind in so gut wie allen Geschäften die großen Sale-Schilder zu sehen. Besonders viel los ist dennoch nicht. Schlangen bilden sich eher vor Apotheken, die PCR-Tests anbieten. Auf der Kärntner Straße ist schon eine internationale Kette ausgezogen, um einem Trachtenmoden-Outlet Platz zu machen. Ein erstes Zugeständnis, dass man sich nun vermehrt an heimischen statt an internationalen Kunden orientieren muss?

Familienunternehmen leiden

Die Händler der Wiener Innenstadt schlagen jedenfalls Alarm. Bei allem Verständnis für die Pandemie, fühlen sie sich im Stich gelassen. „Uns gibt es seit 1967, wir sind seit 55 Jahren ein Familienunternehmen mit fünf Geschäften. Wir haben immer unser Ding gemacht, ohne viel zu kommunizieren, aber jetzt sind wir bissl durch. Es hat eh lang gedauert, nach zwei Jahren Pandemie“, sagt Ernst Fischer, der mit seiner Frau Manuela unter anderem die Geschäfte Fisher's und Philipp Plein betreibt. Er hat sich mit einem Schreiben an einige Medien gewendet und kritisiert, dass bei der Pandemie-Bekämpfung zwar Rücksicht auf den Wintertourismus im Westen genommen wird, aber nicht auf die Wiener Innenstadt. „Lockdowns so zu terminisieren, dass die (zwar legitimen) Bedürfnisse des Wintertourismus befriedigt werden, die umsatzstärksten Wochen des Jahres in Wien allerdings zum Opfer fallen, kann nicht sein“, meint er.
Die Situation sei dramatisch. Das liege nicht nur am letzten Lockdown. Er selbst habe in den drei Wochen 200.000 Euro verloren, und dafür einen Ersatz von 12.000 Euro bekommen. Seit die Händler 2-G-Kontrollen vornehmen müssen, ist die Frequenz noch einmal drastisch gesunden. „Seit dem ist es tot, nein, ganz tot.“
Auch Rainer Trefelik, Inhaber des Modegeschäfts Popp & Kretschmer und Obmann der Sparte Handel der Wirtschaftskammer Österreich, sieht das ähnlich. Zahlen zu den Umsatz-Rückgängen gibt es noch nicht, er schätzt sie auf 30 bis 50 Prozent. „Rückmeldungen aus den Betrieben lauten: katastrophal.“ Die 2-G-Kontrollen funktionieren nur deshalb, weil die Frequenz so niedrig ist. „Bei mir waren am zweiten Tag drei Zivilpolizisten im Geschäft. Das erzeugt ein komisches Gefühl.“
Es fehlen nicht nur die internationalen Touristen in der Stadt – zum Beispiel kaufkräftige Araber, deren Impfstoff in Österreich nicht akzeptiert wird –, sondern auch Kongresse und Veranstaltungen, wie der Opernball, aber auch die klassischen Pendler. „Durch das Home Office haben wir keine Einpendler mehr, die hier arbeiten. Aber die Modebranche lebt ganz stark vom Impulskauf.“
Dazu komme, dass viele Kunden durch die jedes Wochenende stattfindenden Corona-Demos und das entsprechende Polizeiaufgebot, lieber nicht die Innenstadt aufsuchen. „Bei uns in der Goldschmiedgasse stehen jedes Wochenende zwölf Polizei-Busse, dazu kreisen die Hubschrauber ab Samstagmittag über der Innenstadt, da will keiner shoppen gehen“, sagt Manuela Fischer. Ihr Mann Ernst geht davon aus, dass sich die Händler in der Innenstadt erst im Jahr 2024 erholen und wieder auf Vorkrisen-Niveau kommen werden. „Es ist die Frage, wie viele dann noch da sind.“ Er schätzt, dass in den nächsten drei, vier Jahren etwa 50 Prozent der eigentümergeführten Geschäfte in der Innenstadt zusperren müssen.

Ausgerechnet jetzt Fahrverbote

Vor der Pandemie hat Fischer in dem „Philipp Plein“-Geschäft pro Tag 20 bis 40 Kunden begrüßt, zehn bis 15 davon hätten etwas gekauft. Heute ist er froh, wenn an einem Tag fünf Kunden kommen und davon einer mit einem neuen Stück nach Hause geht. Während er all das erzählt, sind seine Frau und die Mitarbeiter damit beschäftigt, neue Ware einzusortieren und Pakete für Kunden zur Abholung und zum Versenden bereit zu machen. Nicht nur das Einkaufsverhalten, auch das Sortiment habe sich stark geändert. Legere Mode wie Jogginganzüge gehen noch eher weg als festliche Kleidung. „Aber das ist in Ordnung, das ist unser Geschäft, dass wir uns daran anpassen.“ Er würde sich wünschen, dass die Politik mehr heimische Händler im Fokus hat. Er plädiert für Tourismuszonen in der Innenstadt (mit Sonntags-Öffnung). „Dazu braucht es kein Gesetz, das könnte der Bürgermeister umsetzen.“ In Velden, wo er auch zwei Geschäfte betreibt, funktioniere das im Sommer sehr gut.
Gar nicht könne er hingegen verstehen, warum der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig ausgerechnet jetzt die Verkehrsberuhigung der Innenstadt thematisiert. „Mehr beruhigen kann man eh nicht, es ist eh nichts mehr los.“

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