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Film

"Nightmare Alley": Der Blender und die Femme fatale

Der Major (Mark Povinelli) und Bruno (Ron Perlman) sind Teil der Show von "Nightmare Alley".
Der Major (Mark Povinelli, li.) und Bruno (Ron Perlman) sind Teil der Show von "Nightmare Alley".(c) Kerry Hayes
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In Guillermo del Toros mächtigem Film noir „Nightmare Alley“ täuschen sich ein Scharlatan (Bradley Cooper) und eine Psychoanalytikerin (Cate Blanchett) ins (Un-)Glück.

Rostbraun bis bernsteinfarben leuchten die Schaubuden auf dem Jahrmarkt der Attraktionen in die Gesichter des Publikums, das, ausgespuckt von der Weltwirtschaftskrise, schnelle, billige Unterhaltung sucht – bei Feuerschluckern, Wahrsagern und Freaks. Es ist der Herbst des Jahres 1939, als sich in den staubigen Gassen herumspricht, dass „ein Typ, der aussieht wie Chaplin“ in Polen einmarschiert ist. Hier, wo alles Lüge und Illusion ist, offenbart ein Mann mit verschleierter Vergangenheit sein großes Talent.

Bradley Cooper spielt diesen Stanton Carlisle als charmant-gewitzten Trickbetrüger, dem viele verfallen, der alle um den Finger wickelt. Es ist eine wenig vertrauenswürdige Figur, die im Zentrum von Guillermo del Toros mächtigem Edel-Noir „Nightmare Alley“ steht. In zweieinhalb Stunden zeichnet der mexikanische Ausnahmeregisseur, der für seine Mensch-Monster-Romanze „Shape of Water“ mit einem Oscar bedacht wurde, die steile Karriere von Carlisle nach.

An der Oberfläche ein klassisches US-Sozialmärchen vom Tellerwäscher, der zum Millionär (und dann wieder zum Tellerwäscher) wird, ist der Stoff angereichert mit einem Übermaß an Texturen, Symbolen und Einschüben, sodass er eine tiefe, unangenehme Wahrheit herauskratzt und zum Vorschein bringt: Wie sehr der Mensch nach etwas verlangt, woran er glauben kann, und wie leicht es ist, diese Sehnsucht auszunützen. „Nightmare Alley“ ist als Film noir auf den ersten Blick ein ungewöhnliches Projekt für del Toro, Hollywoods bekanntesten Fantasten. Sieht man aber, mit welcher Liebe zum Monströsen und Abseitigen er die Jahrmarktsgemeinschaft als ein zusammengeschweißtes, familiär organisiertes Bollwerk gegen die normierenden und ausgrenzenden Kräfte von außerhalb zeichnet, dann lässt es sich widerstandslos in sein bisheriges Œuvre einreihen.

Von der Hellseherin Madame Zeena (beherzt: Toni Collette) erfährt Carlisle jenen minutiös ausgearbeiteten Code, mit dem ihr gebrechlicher, alkoholkranker Partner Pete (fantastisch, bewegend: David Straithairn) und sie das Publikum bereits seit Jahrzehnten erfolgreich täuschen – und brennt daraufhin mit der gutgläubigen Molly (Rooney Mara in einer eher undankbaren Rolle) durch.

Zwischen Jahrmarkt und Art-déco-Büro

Einige Zeit später inszenieren die beiden ihre Jahrmarkt-Tricks auf großer Bühne für die Hautevolee von Buffalo. Und ziehen dabei die Aufmerksamkeit der Psychoanalytikerin Lilith Ritter (eiskalt, großartig: Cate Blanchett) auf sich. Auf deren Couch plauderten die Reichen und Mächtigen der Stadt schon all ihre Geheimnisse, Wünsche und Sehnsüchte aus. Und so planen die Femme fatale und der ihr längst verfallene Trickbetrüger, mit einer Verschränkung ihrer Talente zu unermesslichem Reichtum zu gelangen.

„Nightmare Alley“ basiert auf dem gleichnamigen Pulp-Roman von William Lindsay Gresham, der 1947 zum ersten Mal fürs Kino adaptiert worden ist. Del Toro und seine Schreibpartnerin (sowie nunmehrige Ehefrau) Kim Morgan scheiteln die Geschichte in der Mitte ihres Drehbuchs. Aus der sich so ergebenden Struktur zweier Hälften schöpft der Film außergewöhnlich viel Kraft und Charakter. Das verarmte Publikum, das sich auf dreckigem Boden durch die Budenwelt des Jahrmarkts schiebt und an die ihm dargebotenen Eigentümlichkeiten glauben will (oder muss), die reiche Gesellschaft, die sich in edlen Clubs bei teuren Getränken verführen lässt von feinst frisierten Betrügern im Dreireiher – sie fallen in diesem Film ineinander, sind ein und dasselbe, sehnen sich nach demselben, der Ahnung eines Wunders.

Gleichwohl versteht del Toro, die gegensätzlichen Welten als Steilvorlage für jene visuelle, filmgestalterische Opulenz, für die er zu Recht verehrt und gefeiert wird, zu nutzen. Ja, „Nightmare Alley“ bietet Exzellenz in allen technischen Abteilungen: Kameraführung, Kulissenbau, Kostümbild und Lichtregie. Der Jahrmarkt, gefasst in Erdtöne, geprägt von schrägen Bühnen und massig Textur. Die urbane Welt, glänzend mit ihren polierten und lackierten Oberflächen. Während draußen der Schnee vorbeitreibt, thront Cate Blanchett hier in ihrem Art-déco-Büro wie ein Augur des dämmernden Fortschritts.

Doch am Ende, nachdem alle Tricks ausgespielt wurden, regiert die blanke Desillusion. Und im Hintergrund lockt weiterhin unaufhörlich der Jahrmarkt. Am Rand sitzt einer, kaputt gemacht von der eigenen Gier, das Gesicht zur lachenden Fratze verzerrt. Die Masken sind gefallen, der Bühnennebel hat sich verzogen. Übrig bleibt nur die grausame Wirklichkeit.


[S5VJZ]