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Damals schrieb die neue Freie Presse: Dürres Holz

Wien, 25. Jänner 1872. Bei der Universalität der römisch-katholischen Kirche, ihrer ungeheuren Dehnbarkeit haben die verschiedenartigsten Gestalten darin Platz. Im Mittelalter streifte zuweilen der fürstliche Prälat „de carne nobilium“ den Straßenheiligen, welcher dem indischen Fakir vergleichbar war – Hermelin und schmutzige Lumpen standen auf Einer Linie. Nun ist zwar Beides äußerlich aus der Kirche verschwunden, eine gewisse Gleichheitstünche überzieht auch den Clerus; dennoch sind die einzelnen Glieder desselben an Geschick wie an Bedeutung himmelweit von einander verschieden. Den Primat haben sich die Romanen vorbehalten, die Italiener, wie es denn sogar den Spaniern und Franzosen selten gelingt, einen Landsmann ins Cardinal-Collegium oder gar auf den Stuhl Petri zu bringen, dafür waren schon die alten Römer die echten Formenkünstler – sie haften heute noch an der Schale.

In der Weltstadt, im Palaste steht die Wiege des feinen Prälaten, der in der Kirche emporkommen soll, weil er ein jüngerer Sohn ist, oder in der Liebe Unglück hatte, oder altererbtem Aberglauben zum Opfer fiel. Unter den gebildeten Ständen findet sich der Jüngling, dessen Lebensbarke an irgend einer Klippe scheiterte und der daher zum gewandten Polemiker, zum finsteren Eiferer der Kirche heranreift – besonders wenn er ein Convertit ist. Die unwissende, besitzlose Classe sucht leichte Versorgung und Erhöhung im Priesterstande – sie liefert der Kirche das dürre Holz, welches höchstens zum Landpfarrer taugt. Längst ist mir im Umherschweifen durch die Welt das Heimatsgefühl erloschen, und doch, vielleicht gerade deshalb heimelt so ein Stück Stillleben aus der Kinderzeit außerordentlich an. Im deutschen Landstädtchen verbrachte ich meine Knabenjahre, dorthin führte noch kein Schienenweg, die Reise in die nur vier Meilen entfernte Residenz bildete ein Ereignis. Unermeßlich dünkte dem unsophistischen Sinne die Pappelreihe am Straßenrande. Franz von Nemmersdorf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2022)