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Film

"Licorice Pizza": Zwei Traumtänzer auf Schlingerkurs durch L.A.

Der Kinderstar (Cooper Hoffman) und seine Angebetete (Alana Haim): Paul Thomas Andersons 1970er-Hommage „Licorice Pizza“.
Der Kinderstar (Cooper Hoffman) und seine Angebetete (Alana Haim): Paul Thomas Andersons 1970er-Hommage „Licorice Pizza“.(c) Paul Thomas Anderson
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Ein Teenager und eine junge Frau umkreisen einander im sonnengeküssten Kalifornien der 1970er: Mit „Licorice Pizza“ zollt Paul Thomas Anderson einer vergangenen Hollywood-Ära Tribut. Ein Wohlfühlfilm mit Mini-Kontroversen.

Was für ein Schwerenöter! Ganz unverschämt und mit dem wohl gewinnendsten Grinsen des San Fernando Valley schmeißt sich Gary im Schulhof an die hübsche Alana heran. Im Vorbeigehen, aus dem Augenwinkel, hat er sie zu seiner Auserwählten gekürt – und macht ihr nun freudig den Hof. Die Assistentin des Schulfotografen gibt sich unbeeindruckt: Was will dieser Schmalspur-Sonnyboy mit seinen windschiefen Anmachsprüchen? Sie ist eine reife Dame, Mitte zwanzig, er ein popeliger Teenager! Doch irgendwas – vielleicht ist es die Sonne, deren süßer Schein die Szenerie umspielt, vielleicht Garys naives Selbstbewusstsein – erweicht sie doch. Bald treffen sich die zwei in Garys Stammlokal zum Dinner. Er malt sich eine große Zukunft aus. Sie klagt, dass ihre immer kleiner wird. Uns werden indes zwei Dinge klar: Die beiden sind füreinander bestimmt. Und: Das wird nie etwas mit den beiden.

Aus dieser Spannung zwischen Anziehung und Abstoßung, zwischen verklärtem romantischen Glauben an eine unmögliche Liebe und prosaischer Realität, zieht Paul Thomas Andersons neuer Film „Licorice Pizza“ – der bei uns leider nicht als „Pizza mit Lakritze“ eingedeutscht wurde – seine Energie. Sie dient ihm als Antrieb für eine verzauberte, oftmals komische, manchmal traurige Zeitreise: zurück in die kalifornischen 1970er, an die Peripherie der Unterhaltungsindustrie, in eine Welt der Schwärmer, Selbstdarsteller und Schlawiner, wo Sein und Schein sogar im Alltag schwer zu unterscheiden sind.

Überall Originale und Charakterköpfe

Gary ist ein Auswuchs dieser von magischem Denken beflügelten Dimension: ein Kinderstar kurz vor dem Ablaufdatum, der mit seiner Mutter eine kleine Werbeagentur betreibt – und sich einbildet, längst erwachsen zu sein. Cooper Hoffman, Sohn des 2014 verstorbenen Anderson-Stammdarstellers Philip Seymour Hoffman, lässt dieses muntere Bürschchen vor Chuzpe und Charme nur so überschäumen. Doch wenn das Rampenlicht ausgeht (oder die Aufmerksamkeit seines Publikums abdriftet), scheinen die jugendlichen Ängste und Unsicherheiten der Frohnatur deutlich durch. Alana Haim gibt Garys Angebetete hingegen als resolute junge Frau, die keine Herausforderung scheut – und im Leben nur von Selbstzweifeln zurückgehalten wird, die sie sich als eine von drei Töchtern ihrer traditionsbeflissenen jüdischen Familie eingefangen hat. Haim ist Mitglied einer Poprock-Combo aus Los Angeles, für die Anderson schon einige Musikvideos gedreht hat. „Licorice Pizza“ ist ihr Kinodebüt, und die Natürlichkeit, mit der sie darin zwischen Wut und Scham, Freude und Melancholie oszilliert, ist beeindruckend.

Wie zwei kommunizierende Gefäße auf Rollen schlingern Gary und Alana zu den Klängen des schwungvollen Jukebox-Soundtracks durch ein bildschönes L.A.-Fantasieland, von Michael Bauman und Anderson selbst auf 35-mm-Filmmaterial gebannt. Überall wittern sie die nächste große Chance, einen Ausbruch oder Durchbruch. Allenthalben treffen sie Originale, die teils echten Hollywood-Legenden nachempfunden sind, mit Gusto verkörpert von Stars und Charakterköpfen. Die abgebrühte Schauspielagentin (Harriet Sansom Harris), die Alana wohlwollend mit einem Pitbull vergleicht. Der alternde Leinwand-Haudegen, der es sich und anderen immer wieder neu beweisen muss (Sean Penn). Der von Zigarrenrauchschwaden umflorte Regie-Veteran, der lautstark vergangenen Zeiten nachhängt (Tom Waits). Die angegraute TV-Grand-Dame, die keinen Faux pas auf sich sitzen lässt (Christine Ebersole). Und, nicht zuletzt, der Produzent Jon Peters (Bradley Cooper): Dessen durchgeknallte Art steht sinnbildlich für die Volatilität einer Zeit, in der legeres Hippie-Charisma und übergriffiger Wahnwitz oft Hand in Hand gingen.

Aufregung um Akzent und Alterskluft

Mehr als ein Hauch von Nostalgie weht durch dieses bittersüße Traumfabrik-Abenteuer: Für die Aura der porträtierten Ära, aber auch für deren Filme, ihre Nonchalance und Zügellosigkeit, die längst raffiniertem Zielgruppen-Kalkül gewichen ist. Das legt den Vergleich mit Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ nahe: Auch „Licorice Pizza“ zollt einer vermeintlichen Glanzzeit Tribut, deren künstliche Lebensverlängerung sich nur renommierte Regie-Kapazunder wie Anderson leisten können – und deren Huldigungen stets etwas museal wirken, egal, wie sehr sie sich um Lockerheit bemühen.

Im Kulturklima der Gegenwart haben sie es überdies nicht mehr so leicht wie einst. In den USA sorgte „Licorice Pizza“ für Mini-Kontroversen: Eine aufgrund des Altersunterschieds der Protagonisten, eine andere wegen des rassistischen Akzents, den eine Nebenfigur in zwei Szenen aufsetzt. Halbwegs nachvollziehbar ist nur zweitere, wobei es Anderson hier vornehmlich um die Inklusion von Schattenseiten in sein schillerndes Sittenbild gegangen sein dürfte. Seine Fans werden kaum Anstoß nehmen: Dafür ist „Licorice Pizza“ zur sehr Wohlfühlfilm.


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