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Lernpsychologie

Der Mensch denkt doch gerne

Kreuzworträstel lösen oder ein Instrument lernen - Anstrengung macht Spaß.
Kreuzworträstel lösen oder ein Instrument lernen - Anstrengung macht Spaß.(c) 2020 Carol Coelho
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Denken macht Spaß. Eine Studie zeigt, dass mentale Anstrengung auch ganz ohne Belohnung als angenehm empfunden werden kann.

Menschen sind denkfaul. Dies ist keine überspitze Feststellung oder ein polemischer Seitenhieb auf die sogenannten Querdenker, sondern bisher eine wissenschaftliche Erkenntnis: „Momentan ist die vorherrschende Sichtweise in Kognitionspsychologie und kognitiver Neurowissenschaft, dass Anstrengung aversiv ist und Menschen bestrebt sind, diese Kosten zu vermeiden“, sagte die Psychologin Veronika Job von der Uni Wien. Ihre neue Studie jedoch deutet etwas anderes an.

Die Annahme, Menschen würden kognitive Anstrengung eher vermeiden, sei durchaus kontraintuitiv. „Das kontrastiert, was wir im Alltag sehen. Menschen scheinen Dinge zu tun, ohne direkt eine Belohnung zu bekommen.“  Zum Beispiel Kreuzworträtsel lösen oder in der Freizeit ein Instrument lernen. Nichtsdestotrotz sei es eine gut untersuchte wissenschaftliche Erkenntnis, dass Menschen - vor die Wahl gestellt - sich für eine Aufgabe, die weniger Aufwand bedeutet, entscheiden würden.

Ist Anstrengung nur angelernt?

„Wir haben diese Annahme kritisch hinterfragt, dass Anstrengung universell aversiv ist, haben uns auf frühere Arbeiten der Lernpsychologie bezogen. Es gibt Vorläufer wie Robert Eisenbergers 'learned industriousness', also ungefähr 'gelernte Geschäftigkeit': Wir unterliegen Lernmechanismen, und wenn wir für eine bestimmte Tätigkeit belohnt werden, ändert dies die Valenz der Tätigkeit selbst.“ Eine Lernerfahrung bzw. Konditionierung, auf der basierend man angenommen habe, dass so auch die Anstrengung selbst positiv erlebt wird.

Für die Studie mit Kolleginnen und Kollegen der TU Dresden im Fachmagazin „PNAS“ habe man an Versuchspersonen, Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen, im Labor mit kardiovaskulären Maßen wie etwa Elektrokardiographie (EKG) gemessen, wie sehr sie sich beim Lösen von Aufgaben anstrengten. Hier gibt es bereits wissenschaftliche Erkenntnisse, dass solche Messungen nicht nur körperliche, sondern auch mentale Anstrengung abbilden. In der Versuchsgruppe wurden die Personen ihrer Anstrengung nach belohnt, in der Kontrollgruppe rein zufällig.

Nach dem ersten Durchgang wurde um das Lösen von Mathematikaufgaben gebeten. Deutlich machten die Forscher, dass es dieses Mal keine Belohnung geben werde und dass man sich die Schwere der Aufgaben selbst aussuchen könne. Diejenigen, die vorher in der Versuchsgruppe waren, wählten im Anschluss schwerere Aufgaben als diejenigen aus der Kontrollgruppe. Dies habe man dann in fünf Onlinestudien mit einem „Community Sample“, einer gemischten Stichprobe, erneut durchgeführt und konnte den Effekt wiederholen. Der sei zwar klein, aber es scheint, als hätte die Anstrengung für diejenigen aus der Versuchsgruppe die Qualitäten einer Belohnung bekommen.

Wenn Leistung statt Aufwand zählt

Das bedeute aber nicht, dass es den generellen Effekt, Anstrengungen zu vermeiden, nicht gebe, betonte Job. Dies kenne man auch aus seinem subjektiven Erleben heraus. Zudem belohne die Gesellschaft etwa in der Schule oder auch im Studium nun einmal Leistung und nicht Anstrengung: „Wenn ein Kontext immer nur Leistung belohnt, dann belohnt er nicht das Streben nach schwierigen Aufgaben, sondern eher das Vermeiden.“ Lieber ein „Sehr gut“ mit wenig Anstrengung bei einer einfachen Aufgabe als ein „Gut“ mit viel Anstrengung bei einer komplexen. Das mag im Einklang mit dem Notenschnitt stehen. Ob es dagegen bezüglich eines vertieften Wissens förderlich ist, ist zumindest fraglich.

Eine Auswirkung der Studie könnte es daher sein, Anreizstrukturen zu setzen, „die es belohnen, wenn jemand schwierige Aufgaben macht und Einsatz zeigt, und nicht nur das Endprodukt“. Als Beispiel nennt Job Montessorischulen, die eine andere Herangehensweise an Pädagogik haben als das klassische Schulsystem, welches nur auf das Endprodukt der Note schaue. „Andere Systeme, die weniger Fokus auf die Note setzen, sondern auch auf den Umgang mit schweren Texten, wären eine Möglichkeit. Es geht darum, dass man das ermöglicht: Viel zu lernen, vertiefend zu lernen. Es ist im jetzigen System schwierig, Anreize dafür zu finden.“  Wobei Job durchaus glaubt, dass dies bereits geschähe, wenn auch eher informell: „Ich denke schon, dass Dozierende das in der Hand haben, das mitwürdigen zu können. Auch den reinen Aufwand zu würdigen.“ 

Letztlich könnte auch ihre eigene Disziplin, die Psychologie, von der Studie lernen: Die „Replikationskrise“ oder der „File-Drawer-Effekt“, dass nämlich nur Studien mit signifikanten Ergebnissen veröffentlicht werden, die nicht-signifikanten aber kaum - all dies scheint vor allem auch einen Fokus auf das Endprodukt und nicht den Aufwand der geleisteten wissenschaftlichen Forschung zu legen.

(APA)