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Familien: "Mehr Geld führt nicht automatisch zu mehr Kindern"

Familienpolitik Mehr Geld fuehrt
(c) Clemens Fabry
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Bevölkerungsexperte Rainer Münz erklärt im DiePresse.com-Interview, was es braucht, damit die Österreicher mehr Kinder kriegen und was das Problem am Hausfrauen-Ernährer-Modell ist.

Die österreichische Familienpolitik ist teuer - und wirkt nicht. Rund 8,6 Milliarden Euro geben Bund und Länder jedes Jahr für Familien aus. Auch pro Kopf sind die Ausgaben überdurchschnittlich. Die österreichische Geburtenrate ist aber im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Bevölkerungsexperte Rainer Münz erklärt, warum die österreichische Familienpolitik nicht geburtenfördernd ist und was es braucht, damit die Österreicher mehr Kinder kriegen.

Die österreichische Familienpolitik ist überdurchschnittlich teuer, trotzdem bekommen die Österreicher unterdurchschnittlich viele Kinder. Reicht Geld nicht?
Mehr Geld für Familien führt nicht automatisch zu mehr Kindern. Es gibt in Europa keinen statistischen Zusammenhang zwischen der Höhe der Förderung und der Zahl der Kinder pro Familie.

Das Ziel der österreichischen Familienpolitik ist also nicht, Menschen zum Kinderkriegen zu bewegen.
Der primäre Zweck der Förderung ist ein sozialpolitischer: Die Umverteilung zu Haushalten mit Kindern, um Armut zu verhindern und die Belastung durch Kinderkosten auszugleichen. Das Ziel der Familienpolitik ist kein explizit pro-natalistisches.

Wie müsste denn eine pro-natalistische Familienpolitik aussehen?
Da müssen wir zuerst fragen: Wer bekommt heute keine Kinder? Das sind in Österreich in erster Linie Frauen, die über eine gute Ausbildung und entsprechende Karrieremöglichkeiten verfügen, also insbesondere Akademikerinnen. Viele von ihnen stehen vor der Alternative: Kind oder Karriere. Bei dieser Entscheidung spielt der mögliche Verzicht auf den Beruf und das eigene Einkommen eine viel größere Rolle als die Höhe der Familienförderung. Denn die Familienbeihilfe deckt nur direkte Kinderkosten ab: Windeln, Babymilch, Kinderkleider, Schultasche usw. Die indirekten Kosten, die dadurch entstehen, dass die Mutter auf ihr eigenes Einkommen verzichtet, werden durch diese Umverteilung nicht abgedeckt.

Ist das Problem, dass in Österreich immer noch das Hausfrauen-Ernährer-Modell vorherrscht?
In der Vergangenheit hat das Hausfrauenmodell zu mehr Kindern geführt. Und es ist auch heute so, dass Hausfrauen mehr Kinder haben als berufstätige Frauen. Aber nachdem es immer mehr berufstätige Frauen gibt, führt eine Förderung, die sich vor allem auf Geldleistungen konzentriert, in Summe zu weniger Kindern. Auch in Schweden, Finnland oder Frankreich haben Hausfrauen mehr Kinder als erwerbstätige Frauen. Aber erwerbstätigen Frauen bekommen in diesen Ländern mehr Kinder als erwerbstätigen Frauen in Österreich.

Die beste materielle Absicherung für Frauen und ihre Kinder ist ein ausreichendes Einkommen. Dazu beitragen können: das Erwerbseinkommen der Väter, Transferleistungen des Staates sowie die Möglichkeit für Frauen, selbst erwerbstätig zu sein und für den eigenen Unterhalt sowie den der Kinder sorgen zu können.

Das geht über mehr Betreuungsangebote?
Es geht um eine ausreichende Infrastruktur von der Krippe über den Kindergarten bis zur Ganztagsschule. Das muss keineswegs gratis sein. Eltern die genug verdienen, können das auch einen – sozial gestaffelten - finanziellen Beitrag leisten. Die Bereuungsangebote müssen am Wohnort bloß vorhanden sein. Berufstätige Eltern haben in der Regel weder Zeit noch Energie, ganztägige Kindergärten und Schulen zu organisieren. Das ist Aufgabe von Bund, Ländern und Gemeinden.

Derzeit gibt es nur für jedes sechste Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz. Ist die vielbeschworene Wahlfreiheit nicht mehr als eine Floskel?
Die Wahlfreiheit besteht bis zu einem gewissen Grad, ist aber durch den Mangel an Betreuungseinrichtungen eingeschränkt. Da geht es nicht nur im die Unter-Dreijährigen. Es fehlen nicht bloß Kinderkrippen, sondern ganztägige Kindergarten-Plätze und insbesondere Ganztagsschulen. Berufstätige Eltern benötigen Schulen, die sicherstellen, dass die Kinder am Abend mit einer gemachten Hausübung und einem bewältigten Lernstoff nach Hause kommen.

Was brauchen wir, um die Menschen zum Kinderkriegen zu bewegen?

Der Wunsch nach Kindern ist in der Bevölkerung nach wie vor vorhanden. Doch manche verzichten auf Kinder, weil nicht klar ist, wie sich Beruf und Kinder vereinbaren lassen. Dieser Konflikt besteht allerdings fast nur für Frauen. Mehr Geld vom Staat hilft da nicht wirklich, ein flächendeckendes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen einschließlich ganztägiger Schulen hingegen schon. Hilfreich wäre auch ein größeres Engagement der Väter. Damit sind wir aber bei Themen, die jenseits der Einflussmöglichkeit von Familienpolitik liegen.

Zur Person

Rainer Münz, geboren 1954 in Basel, leitet die Forschungsabteilung der Erste Group Bank AG und ist Senior Fellow am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Er forscht zu Fragen von Bevölkerung und Migration.