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Finale

Ashleigh Barty: Das letzte Kapitel eines Tennis-Märchens

Australian Open
Ashleigh Barty serviert am Samstag zum Triumph bei den Australian Open.REUTERS
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Lokalmatadorin Ashleigh Barty steht ohne Satzverlust im Finale der Australian Open. In ihrer Heimat fliegen der 25-Jährigen nicht nur aufgrund sportlicher Erfolge die Sympathien zu.

Abgeklärt und erstaunlich unaufgeregt geht Ashleigh Barty bei den Australian Open mit ihrer Rolle als erster australischer Finalistin seit 42 Jahren um. Mit eben dieser Ruhe will die Nummer eins der Weltrangliste ihre Reise in Melbourne krönen und am Samstag (9.30 Uhr live, Eurosport) zur ersten australischen Siegerin seit Chris O'Neil vor 44 Jahren aufsteigen. „Es ist unwirklich. Ehrlich, es ist einfach unglaublich“, sagte Barty nach ihrem einseitigen 6:1, 6:3 im Halbfinale gegen die frühere US-Open-Finalistin Madison Keys. „Ich werde rauskommen am Samstag, es mit einem großen Grinsen im Gesicht genießen und sehen, was passiert“, sagte sie und schob schnell hinterher: „Let's do it.“ 

So unantastbar, konzentriert und zugleich locker wie Barty bisher auftritt, spricht vieles dafür, dass sie den großen Erwartungen der sportverrückten Australier, die auf ihren Schultern lasten, auch im letzten Damen-Match dieses Grand-Slam-Turniers standhält. Als Favoritin wird die 25-Jährige der Überraschungsfinalistin Danielle Collins gegenüberstehen - auch wenn die Amerikanerin bei ihrem Comeback nach gesundheitlichen Problemen unerschrocken durchs Turnier marschiert.

Bodenständiger Champion

Mit dem klaren 6:4, 6:1 gegen die French-Open-Gewinnerin von 2020, die Polin Iga Swiatek, erreichte Collins erstmals ein so großes Finale. „Gegen die Nummer eins der Welt in ihrem Land zu spielen – ich denke, das wird wirklich spektakulär“, sagte sie. Der Unterstützung des Publikums in der Rod-Laver-Arena kann sich Barty gewiss sein, wenn die „Barty Party“, wie es auf einem Plakat stand, ihren Höhepunkt erreichen soll. Ihre Popularität beruht auch darauf, dass sie bodenständig und nahbar geblieben ist.

Dabei führt Barty mittlerweile seit mehr als zwei Jahren die Weltrangliste an. Sie kürte sich 2019 zur French-Open-Siegerin und im vergangenen Jahr zur Wimbledon-Gewinnerin. Ein Triumph beim Heim-Grand-Slam nach den Jahren mit ihrer Tennis-Pause, mit dem Sportarten-Wechsel, ihrer Rückkehr und Auszeiten während der Coronapandemie hätte noch einmal eine andere Dimension.

Eine solch dominante Spielerin wie es Serena Williams einmal war, gibt es nicht mehr – und ist es auch Barty nicht. Bewundert wird die 25-Jährige aus dem australischen Bundesstaat Queensland für ihre Athletik, ihr vielseitiges Talent und ihr elegantes sowie variables Spiel. Mit ihrem unangenehmen Rückhand-Slice nervte Barty auch die Amerikanerin Keys, der sie einen Klassenunterschied aufzeigte.

Imposant ist, dass die 1,66 Meter große Athletin weiter keinen Satz und nur ein Aufschlagspiel im Turnierverlauf verloren hat. Die Anfeuerungsrufe „Let's go Barty, Let's go!“ hätte sie angesichts des einseitigen Geschehens wohl gar nicht gebraucht. Richtig laut wurde es ohnehin erst, als die heimische Hoffnungsträgerin und nun erste australische Finalistin seit Wendy Turnbull 1980 Matchball hatte.

Pause von der Tour

Nicht immer im Laufe ihrer Karriere war Barty dem Druck gewachsen. Nach den US Open 2014 war sie ausgebrannt. Sie zog zu ihrer Familie in den Norden Australiens und ging zum Angeln anstatt auf Tennis-Turniere. Und sie schloss sich dem Kricket-Team der Brisbane Heat an. Ihre Kricket-Qualitäten zeigen ein wenig auch ein Video, das in diesen Tagen über den Twitter-Kanal der Australian Open die Runde machte.

Abstand von der Tour gewann sie auch während der Pandemie – über Monate pausierte sie 2020, auch 2021 sammelte sie zu Hause Kraft. „Ich bin als Person gewachsen, ich bin als Spielerin gewachsen“, sagte die zweimalige Grand-Slam-Turniersiegerin in den Tagen von Melbourne: „Ich habe das Gefühl, ich bin eine komplettere Tennisspielerin. Ich liebe es absolut, hier zu spielen. Es hat viel Spaß gemacht, und hoffentlich ist noch ein bisschen was übrig.“

Egal, wie ihr Endspiel ausgeht, einen Titel werden die Australier am Samstag in jedem Fall feiern. Im Doppel-Finale mit ausschließlich australischen Herren treffen die Publikumslieblinge Nick Kyrgios und Thanasi Kokkinakis am Samstag auf Matthew Ebden und Max Purcell.

Die Sympathien werden wohl dennoch klar verteilt sein, gelten der extrovertierte Kyrgios und sein Freund Kokkinakis doch als absolute Publikumslieblinge, die die Menge bei ihren Matches regelmäßig zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Für ein australisches Tennisfest am Samstag ist jedenfalls alles bereitet.

("Die Presse", Printausgabe 28.1.2022)