Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

„Alleinsein-Können ist wichtig für die Gemeinschaft“ 

Wer gern allein ist, wird oft als einsam und isoliert abgestempelt. Dabei birgt der Rückzug Möglichkeiten zur Kreativität und Selbsterkenntnis. Autorin Sarah Diehl hat ein Plädoyer für die Aufwertung des Alleinseins geschrieben.

Einsamkeit ist eines der großen Themen unserer Zeit. Nicht zuletzt unter dem Brennglas Corona-Pandemie wurde der Einsamkeit vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Doch viele Menschen, speziell junge, fühlten sich auch davor schon alleingelassen.

Die Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin Sarah Diehl will in ihrem Buch „Die Freiheit, allein zu sein“ andere Menschen dazu ermutigen, die Zeit allein, die Einsamkeit zu suchen.  „Einsamkeit ist mittlerweile sehr negativ konnotiert, dabei ist es einfach ein offenes Wort. Einsamkeit kann krankmachen, aber auch produktiv verstanden werden.“ In früheren Epochen wie der Romantik, erklärt Diehl, sei zwischen Alleinsein und Einsamkeit nicht unterschieden worden, die Einsamkeit galt gar als ein philosophisches Ideal. Das, was viele heute unter Einsamkeit verstehen würden, und das, was auch durch die Corona-Pandemie verstärkt Aufmerksamkeit erfahren habe, sei eher die soziale Isolation.

Gerade dagegen empfiehlt Diehl Einsamkeit und Alleinsein: „Menschen, die gut auf sich selbst achten können, können gut auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht nehmen. Alleinsein-Können und Gemeinschaft stehen nicht in Opposition zueinander, sondern sind wichtig füreinander.“ 

Die Serie „Gefühlssache“ erscheint immer mittwochs und beschäftigt sich mit Themen rund um zwischenmenschliche Beziehungen, Sexualität und Selbstliebe. Alle Texte finden Sie unter diepresse.com/gefuehlssache. Bei Fragen, Anmerkungen, Themenvorschlägen und Kritik schreiben Sie uns gerne an diese E-Mail-Adresse: schaufenster@diepresse.com.

Alleinsein als Bereicherung?

Bewusste Spaziergänge in der Natur, Innehalten inmitten gefüllter Plätze, wochenlange Aufenthalte an abgelegenen Orten: All das sind Erfahrungen, die durchs Alleinsein erst möglich gemacht oder zumindest deutlich intensiver werden. Wie oft ein solcher Rückzug Auslöser von kreativem Schaffen wurde, ungestörte Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt oder auch nur einfach Ruhe ermöglichte, davon nennt Diehl unzählige kulturhistorische Beispiele in ihrem Buch.

Erfahrungen, die vielen Menschen heute nicht mehr geläufig sind, denn die Leistungsgesellschaft, das Streben nach Anerkennung und Erfolg in Form von Karriere würden uns wenig Zeit dafür lassen, eigene Potenziale zu entdecken und sich darüber klar zu werden, nach welchen Werten und Maßstäben man leben möchte. Diehl versteht das Alleinsein als bewusstseinserweiternden Zustand, der es ermöglicht, Dinge in und um einem bewusster wahrzunehmen, die Konfrontation mit sich selbst abseits gesellschaftlicher Normen zu suchen. „Was uns als Menschen ausmacht, ist die Liebe und die Kreativität. Beides wird durch unsere Gesellschaft in fixe Strukturen gepresst: traditionelle Konzepte von Karriere und Familie.“ Raum für alternative Lebensentwürfe, wie sie Diehl in ihrem Buch vorstellt, gibt es wenig.

Dabei, so Diehl, könnten Schaffenskraft und Solidarität, auch noch ganz andere Formen annehmen. „Wir könnten Gemeinschaft auch ganz anders denken, diese Dinge verwehren wir uns.“ Und auch das führt letztlich dazu, dass mehr und mehr Menschen - in Ermangelung von Alternativen - allein leben.

Alleinsein mit und ohne Familie

Die Zahl der Single-Haushalte in Österreich liegt derzeit bei über 1,5 Millionen, Tendenz seit Jahren steigend. In konservativen Kreisen finden sich oft einfache Erklärungen für diese Entwicklung, erzählt Diehl: „Die Familie bricht angeblich auf, weil die Frau sich emanzipiert, nicht mehr dafür verfügbar ist, der soziale Kitt der Gesellschaft zu sein - und deswegen sind wir alle Single“. Ein schräges Bild, wie sie findet, denn gerade innerhalb der Familie hätte Frauen jahrhundertelang Einsamkeit und Vereinzelung erfahren. „Hier wurden sie von der Gesellschaft abgeschieden, ihr Lebensraum eingeschränkt.“ 

Für viele Menschen ist die Kleinfamilie heute zu eng. Alternative Konzepte kämpfen aber um rechtliche Gleichstellung. „Viele Menschen wollen Kinder haben, ihnen graut aber vor der Kernfamilie. Nach dem Gesetz wird nur die Kleinfamilie privilegiert.“ Soziale Elternschaft, also das Bilden von größeren oder kleineren Verantwortungsgemeinschaften, mit oder ohne Kinder, müsse Diehl zufolge eigentlich gefördert werden. Das scheitere aber nicht nur am politischen Willen - auch dafür geeigneter Wohnraum oder Arbeitszeitmodelle müssten erst geschaffen werden.

Wie Familien auszuschauen haben, was eine gute Mutter ausmache - davon gibt es nach wie vor fixe Modelle, eine Norm, bestimmt von Wirtschaft und Politik.  „Toxische Gesellschaftsstrukturen“, so Diehl, „sind die Auswüchse von 1000 Jahren Kirche, Patriarchat und kapitalistischer Verwertungslogik. Die Leute werden auf Trab und am Funktionieren gehalten.“

Die alleinstehende Frau

Konzepte wie Partnerschaft oder Familiengründung, vermeintliches Allheilmittel gegen die Einsamkeit, würden oft - immer noch - dazu dienen, Frauen kleinzuhalten. Denn Alleinsein bedeutet, soweit populärkulturellen Bildern und Phrasen Glauben geschenkt wird, für Männer und Frauen ganz unterschiedliche Dinge. Diehl nennt das die „geschlechterspezifische Bewertung des Single-Seins“.

Früher hielten rechtliche Einschränkungen und Verbote Frauen in ökonomischen Abhängigkeitsverhältnissen, machten Eheschließungen überlebensnotwendig. Das ist längst nicht mehr der Fall, doch auch heute wird Frauen noch vermittelt, dass sie ihren Selbstwert aus Beziehung zu anderen gewinnen, daraus sexuell begehrt zu werden oder Fürsorge für andere zu betreiben. „Das Bild der alten, ungewollten Jungfer, der einsamen alten Frau sind sicherlich dazu da, um Frauen Angst zu machen, damit sie in die Ehe gehen sollen. So funktioniert Patriarchat.“

Gegenvorbilder sichtbar machen

Dabei deutet die Faktenlage genau auf das Gegenteil hin: Alleinstehenden Frauen im Alter geht es oft besser als Männern, sie seien eher in der Lage, sich einen Freundeskreis aufzubauen, können sich besser um ihre Gesundheit kümmern. Gerade nach abgeleisteten Kinderbetreuungszeiten hätten Frauen oft noch mehr Tatkraft, seien auf der Suche nach einem Neustart. Es seien auch eher Frauen, die noch im Alter den Schritt zur Trennung, aus der Ehe wagen würden. „Das gängige Bild ist allerdings umgekehrt, da wird die ältere Frau vom Mann für eine jüngere Frau verlassen. Dabei werde ältere Männer oft passiv und vereinsamen.“ So zeigt etwa eine aktuelle dänische Langzeitstudie eine klare Disparität zwischen den Geschlechtern, Männern leiden deutlich häufiger auch körperlich unter Einsamkeit.

Auch die Tatsache, dass diese Fakten oft wenig beachtet werden, führt Diehl auf Geschlechterstereotypen zurück. „Die Idealisierung des Mannes als einsamer Wolf führt dazu, dass sich niemand darum schert, wenn Männer tatsächlich vereinsamen.“ Während die alte einsame Frau ein präsentes Thema sei, mache sich um einsame Männer niemand Sorgen. „Die sind der Ausschuss der Gesellschaft.“ 

Alleinsein in der Beziehung

Diehl empfiehlt auch in der Beziehung das Alleinsein zu suchen. „Wir tun uns keinen Gefallen damit, unseren Selbstwert in der Beziehung zu suchen.“ Insbesondere für Frauen kann das schwierig sein. „Gerade sie haben gelernt, ihren Wert daraus zu ziehen, einen Mann zu bekommen und begehrenswert zu sein.“ Das bewusste Alleinsein könne gerade für Frauen ein Raum sein, um Körper und Sexualität von diesem „Begehrenswert sein-Müssen“ zu lösen.

Viele Menschen hätten genaue Vorstellungen, wie sich das Gegenüber zu verhalten habe: „Oft nehmen wir uns heraus, den Partner zu verurteilen und zu kontrollieren, wie wir es mit Freunden nie machen würden. Das liegt daran, dass wir unseren eigenen Wert vom Partner abhängig machen.“ Umso wichtiger sei es, gerade in einer Beziehung auch Selbstliebe zu praktizieren.

Aufs Alleinsein kommen

Wer das Alleinsein ausprobieren möchte, dem empfiehlt Diehl allein zu reisen. Eine gewisse Verbundenheit mit der Welt, die in Diehls Buch immer wieder Thema ist, stelle sich beim Reisen, beim Beobachten, beim allein unter Menschen sein ein. Wer allein reist, erzwingt nichts, die Dinge kommen einfach und ergeben sich, beschreibt Diehl: „Ich bin eine große Freundin der Kulturtechnik des Pilgerns. Menschen haben füreinander Herbergen und Refugien gebaut, damit man sich allein in die Welt hinaus trauen kann. Es werden Wege geschaffen, aber gleichzeitig Verständnis dafür, dass Menschen genauso sehr allein gehen wollen, wie in Gemeinschaft.“ 

Die Freiheit, allein zu sein. Eine Ermutigung

Sarah Diehl, Arche Verlag, 400 Seiten, €24,70

 

Sarah Diehl ist Autorin, Aktivistin und Dokumentarfilmemacherin. Sie setzt sich für die reproduktiven Rechte und die Selbstbestimmung von Frauen ein, und berät Frauen dabei herauszufinden, ob sie Kinder möchten oder nicht.  Mehr Infos dazu.