Geschichte

Die Bevölkerung im Wechselspiel zwischen Angst und Hoffnung

Die ehemalige Südsteiermark wurde 1919 dem SHS-Staat angegliedert.
Die ehemalige Südsteiermark wurde 1919 dem SHS-Staat angegliedert.(c) imago images / Volker Preußer
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In den zahlreichen Analysen zum Ersten Weltkrieg wurde der Blick auf die ländlichen Gebiete bisher weitgehend vernachlässigt. An der Uni Graz widmet sich dem nun ein Forschungsprojekt. Eine Facette: Pfarrer und Gendarmen dürften damals als Stimmungsmacher gewirkt haben.

Es geht nicht um den Blickwinkel der Soldaten und urbanen Gesellschaftsschichten auf ihre Zeit, sagt der Historiker Harald Heppner. Auf die Zeit vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Im Fokus steht vielmehr die ländliche Bevölkerung, die „von Krisenzeiten immer betroffen ist, weil sie Versorgungsgüter veräußern und Soldaten stellen muss, und fallweise ist auch ihr Lebensraum Ort militärischer Operationen“. Und in diesen Jahren mit einem radikalen Wandel konfrontiert wurde.

Harald Heppner vom Historischen Institut der Uni Graz analysiert in dem bis Ende dieses Jahres laufenden Forschungsprojekt „Zwischen Angst und Hoffnung. Rurale Perspektiven“ das Leben in zwei gemischtsprachigen Regionen der ehemaligen Habsburgermonarchie, die als Fallbeispiele für Entwicklungen und Umbrüche dienen. Im Fokus stehen die ehemalige Südsteiermark, die 1919 dem SHS-Staat (später Königreich Jugoslawien) angegliedert wurde, und Siebenbürgen, bis 1919 der ungarischen Reichshälfte zugehörig, dann Teil Rumäniens. Gemeinsam mit Heppner sind in dieses vom Wissenschaftsfonds FWF unterstütztes Forschungsprojekt der Slowenien-Spezialist Christian Promitzer und die gebürtige Rumänin Ionela Zaharia, beide Uni Graz, eingebunden.

Was Soldaten festhielten

Der Kern der Untersuchungen bezieht sich nicht auf das Alltagsleben der ländlichen Bevölkerung. Vielmehr geht es um den in diesen Gebieten vorherrschenden Zeitgeist und dessen Veränderungen, um emotionale Entwicklungen und Strukturen. Als Anhaltspunkte dienen chronikale Quellen wie Niederschriften von Pfarrern, Berichte von Gendarmen, taschenbuchartig festgehaltene Schriften von Soldaten, später angelegte Memoiren und natürlich archivierte Akte der Verwaltung. Die Bevölkerung beider Regionen ist zudem multiethnisch geprägt.

Überblicksmäßig lässt sich der untersuchte Zeitraum in drei Abschnitte gliedern. Am Beginn des Krieges herrschte noch Aufbruchstimmung, verbunden mit der Annahme eines kurzen Feldzuges. „Niemand ahnte, dass der Krieg geradezu endlos wird“, sagt Heppner. Aber schon bald konnten in der Bevölkerung eine gewisse Abstumpfung und Lethargie konstatiert werden.

Bezüglich der Kriegsjahre überraschte Heppner, „wie sehr es sich am Land die Leute gerichtet haben“. Auffallend war der Einfluss der „Stimmungsmacher“ – in erster Linie der Pfarrer und Gendarmen –, die nach der Devise „Ordnung muss sein“ für ebendiese sorgten. Die Annahme, dass in den bäuerlichen Gebieten zumindest die Ernährungssituation besser gesichert war als in den Städten, lässt sich nicht aufrechterhalten. Die arbeitsfähigen Männer waren zum Militär abgezogen, die Arbeit mussten Frauen, Alte und Kinder verrichten, die Produktion ging zurück. In den letzten beiden Kriegsjahren wurde ein großer Teil der Naturalien für das Heer beschlagnahmt, es kam auch am Land zu Engpässen.

Das Kriegsende leitet die dritte Phase ein. Die Anspannung wich dem Stressabbau. „Das Ende der Monarchie als Regierungsform hat keine großen Emotionen ausgelöst“, sagt Harald Heppner. Vielmehr wurde das Leben von den Anforderungen des Alltags mit der Verpflegungsfrage überfrachtet. Der Freude über das Kriegsende und die Rückkehr der Soldaten standen die Trauer um Gefallene und das Bangen, wie sich die Zukunft gestalten wird, gegenüber. Die bisherige öffentliche Verwaltung war großteils zerfallen, in manchen Gegenden bildeten sich Bauernwehren als Schutzmechanismus.

Hier zeigt sich der Unterschied zum städtischen Bereich. Da sind die Menschen stärker auf die Behörden angewiesen, die Informationslage funktioniert aber besser. Freilich ist auch hier der Lebensmittelnachschub durch die Abtrennung wichtiger Versorgungsgebiete vom bisherigen Gesamtstaat – Südmähren und Ungarn – sowie dem zeitweisen Ausfall der Bahnverbindungen stark beeinträchtigt. Zum Bangen um die Zukunft kommt noch eine politische Komponente: Die Heimkehrer, vor allem jene aus Russland, bringen oft neues Gedankengut mit. „Das ist jetzt nicht die marxistische Philosophie, sondern die Erfahrung, dass kleine Leute in ihrem Bereich die Macht übernehmen“, so Heppner. Das führte zu einer weiteren Verunsicherung.

LEXIKON

Die ehemalige Südsteiermark wurde 1919 dem SHS-Staat angegliedert, Siebenbürgen war bis 1919 der ungarischen Reichshälfte zugehörig, dann Teil Rumäniens.

Die Ausstellung „In einer zerrissenen Zeit. Das Dorf vor hundert Jahren“, kuratiert vom Historiker Harald Heppner, wird am 28. April im Museum für Geschichte in Graz eröffnet. Eine Tagung dazu findet am 9. und 10. Juni statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2022)

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