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Interview

Wikifolio-Gründer Kern: "Größter Fehler ist zu kleine Aktienquote"

Andreas Kern
Andreas KernClemens Fabry
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Weil sich Andreas Kern über Bankprodukte geärgert hat, hat er die Plattform Wikifolio gegründet. Er erzählt von gescheiterten Investments, einer findigen Community und gefährlichen Anlegerfehlern. Für Bitcoin hat er keine Zeit.

Die Presse: Sie haben Wikifolio gegründet, eine Plattform, auf der Trader Handelsideen (Wikifolios) veröffentlichen und andere über Zertifikate darin investieren können. Kann jeder ein Wikifolio auflegen?

Andreas Kern:Ja. Der Kunde wird mit Ausweis legitimiert, wir checken auch, dass nicht jemand mehrere Konten aufmacht. Jede Person kann ein Konto aufmachen und acht Wikifolios publizieren, und man kann nichts löschen. Was einmal investierbar war, der Track-Record, der bleibt da. Da haben wir schon mehrfach gestritten. Aber auch ich habe schon ein Wikifolio völlig zerstört. Auch das sieht man noch auf der Plattform.

Sie legen auch Wikifolios auf?

Das mache ich, auch wenn ich nicht viel Zeit dafür habe. Ich habe auch in eine Handvoll Wikifolios von anderen Tradern investiert.

Was war das, was so gefloppt ist?

Ich habe Alibaba (chinesischer Onlinehändler, Anm.) für zu teuer gehalten und habe Alibaba geshortet (auf fallende Kurse gesetzt), und die Aktien sind durch die Decke gegangen. Dann habe ich nachgekauft, weil ich geglaubt habe, dass das sicher wieder einbricht. In dieses Wikifolio konnte man aber nie investieren, und es steht eh dabei, dass dieses Wikifolio zum Rumspielen gedacht ist, da wurde also keiner geschädigt.

Shorten ist halt immer riskant.

Ja, weil der Verlust unbegrenzt ist. Wenn man long geht (auf steigende Kurse setzt), kann man nur alles verlieren.

Sie waren lange Zeit im Finanzsektor tätig. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass die Welt so etwas wie Wikifolio braucht?

Das kam aus meiner Beratungserfahrung in der Bank. Die Bank hat mir ein Produkt verkauft, das skizziert war mit „moderates Risiko, gute Chance“, das war ein Aktien-Basket mit fünf Aktien. Da war die Vereinbarung: Wenn keine Aktie um mehr als 20 Prozent schwankt, bekomme ich 20 Prozent plus, sonst fünf Prozent minus. Ich habe mir das angeschaut und bin daraufgekommen, dass es im ATX keine Teilmenge von fünf Aktien gibt, wo das seit 1953 je einen Gewinn abgeworfen hätte. Ich glaube nicht, dass viele Anleger in der Lage sind, dass sie ein Produkt backtesten und das alles simulieren. Da war für mich die Idee, eine Community zu gründen und Talente zu suchen, logischer. Banken haben einen großen Vertriebsapparat und verkaufen typischerweise jene Produkte, die die meiste Provision abliefern. Die Gebühren killen die Performance. Wir sind eine neutrale Plattform, auf der die Besten nach vorn kommen. Und der Kunde zahlt dann, wenn ein neuer Höchststand erreicht wird.

Sie sind großer Aktienfan. Machen Ihnen die gegenwärtigen Entwicklungen Sorgen?

Nein. Ich glaube schon, dass das nächste Jahr schwieriger wird als die vergangenen beiden. Da konnte jeder etwas kaufen und Gewinn machen. Jetzt muss man stärker auf die Aktienauswahl achten. Was unsere Trader aber gut können, ist Stock-Picking. Die Community – mehr als 10.000 Leute – macht sich Gedanken und versucht, einen Small oder Mid Cap zu entdecken, der noch ein bisschen günstiger ist als der Gesamtmarkt. Das sind nicht immer so sichtbare Storys wie Apple. Ein iPhone sieht man ständig irgendwo. Salzgitter (Stahlkonzern) oder Fresenius (Medizintechnikunternehmen) sieht man nicht jeden Tag.

Wer sind Ihre Kunden?

Im Grunde ist es das Mindset, das die Leute ausmacht. Es sind Opportunity-Seeker, Menschen, die Chancen suchen. Viele sind Unternehmer, Freiberufler, junge Akademiker. Die wollen Themen aufgreifen. Ein Bestseller ist gerade Cyber-Security.

Ist es für Einsteiger nicht besser, einen ETF (Fonds, der einen Index nachbildet) zu kaufen?

Wikifolios sind superkomplementär zu ETFs. Am besten, man hat von beidem etwas. Es gibt Wikifolios, die breit gestreut sind. Spezial-Wikifolios, die 800 Prozent Plus machen, würde ich eher nur klein gewichten. Wenn etwas 800 Prozent Plus macht, kann es zwar nur 100 Prozent Minus machen, aber immerhin.

Wissen das die Anleger?

Schon. Die Leute verstehen, wenn jemand über die Jahre hinweg jedes Jahr 20 bis 30 Prozent macht, dass man das höher gewichten kann als etwas, was im Vorjahr 800 Prozent Plus gemacht hat.

Was sind Ihrer Meinung nach die schlimmsten Anlegerfehler, die man machen kann?

Der größte Fehler, den viele Österreicher machen, und da gehöre ich auch dazu, ist die zu hohe Cashquote und die zu geringe Aktienquote. Die jungen Leute denken zwar um und sehen Aktien, ETFs und Wikifolios als wichtigstes Anlegevehikel noch vor Krypto. Die Aktienquote ist in Österreich oder Deutschland aber viel kleiner als in Schweden oder den USA.

Warum ist das so?

Das ist eine Mindset-Sache, hat aber auch mit Altersvorsorge und Steuern zu tun. In den USA müssen alle in Aktien, weil sie sonst, wenn sie alt sind, nichts haben. Bei uns kriegt man halt eine mickrige Pension. Aber langfristig gibt es keine Alternative zu Aktien. Wenn man regelmäßig anspart, ist auch die Unsicherheit des Einstiegszeitpunkts weg. Wenn ich 100.000 Euro investieren will, weiß ich nicht, ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Wenn ich aber Monat für Monat 300 Euro investieren will, dann gibt es genau einen richtigen Zeitpunkt zum Anfangen: jetzt.

Warum haben Sie selbst eine so hohe Cashquote?

Weil ich immer dann, wenn es günstig wird, extrem viel Arbeit habe. Ein Fintech mit fast 50 Mitarbeitern ist kein Nine-to-Five-Job. Das ist nicht so schlimm, weil mein Unternehmen, das der größte Vermögensblock ist, auch mit Aktien zusammenhängt, aber davon abgesehen habe ich eine zu hohe Cash-Quote. Auch suche ich seit Ewigkeiten eine neue Bleibe, finde aber nichts Passendes. Die Wohnungspreise sind ja unverschämt.

Und Sie hoffen, dass das irgendwann günstiger wird?

Entweder ich werde so reich, dass der Preis keine Rolle mehr spielt, oder es passiert sonst etwas.

Planen Sie einen Börsengang?

Das ist noch sehr weit weg, das muss sich dann wirklich auszahlen. Da müssen wir noch ein Stück größer werden.

Ist das realistisch?

Ja. Wir wachsen stabil seit vielen Jahren, das Thema Retail-Investing ist ein Trendthema, die jungen Leute, die online sehr affin sind, werden vermögender.

Worin investieren Sie noch?

Ich habe das Unternehmen, Wikifolio-Zertifikate, ETFs, ein paar wenige Einzelaktien.

Bitcoin mögen Sie nicht?

Nein, das ist eine Spielerei, für die ich keine Zeit habe. Ich schätze sehr den Nassim Taleb (Finanzmathematiker, einst Bitcoin-Fan, jetzt Bitcoin-Kritiker).

Der hat seine Meinung aber radikal geändert.

Ich war schon seiner jetzigen Meinung, als er noch seine alte hatte. Wer mich schockiert, ist Ray Dalio (US-Investor), den ich für extrem smart halte, der sich so pro Bitcoin äußert. Bitcoin behauptet, ein Problem zu lösen, das es gar nicht gibt. Wenn ich die Idee cool finde, dass es dezentral ist, warum nutzen dann alle den gleichen Zugang über Coinbase und verwahren es auf die gleiche Weise?

Das Internet ist ja auch dezentral, und die meisten Leute gehen über Google rein.

Das Netz ist dezentral, aber das Informationsangebot (z. B. durch die Google-Suche) ist höchst zentralistisch. Das ist ein bisschen bedenklich. Ich finde Dezentralität ja gut. Aber Bitcoin ist von der Verwahrung her nicht dezentral. Und wenn ich es selbst mache, habe ich einen Point of Failure: Vergesse ich meinen Key, ist es weg. Vergesse ich aber mein Kennwort bei der Bank, gibt es 20 Möglichkeiten, dass ich wieder Zugriff erhalte.

Wenn aber die Bank pleitegeht, ist das Geld weg, es sei denn, es greift die Einlagensicherung.

Das stimmt, aber es gibt viel mehr Krypto-Fraud-Probleme (Betrug),als Banken pleitegehen. Aber zurück zur Dezentralität. Bitcoin ist eines der zentralsten Dinge, die es gibt. Es ist ein Ökosystem von zentralistischen Anbietern. Was wirklich dezentral gebaut ist, ist die Fiat-Menge (staatliches Geld). Wenn man sich die Verflechtungen anschaut zwischen Ländern, Leuten mit Guthaben und mit Krediten – Taleb würde sagen, es ist antifragil. Die Preisstabilität in den vergangenen 50 Jahren war unglaublich gut. Aber der Bitcoin-Kurs hängt nur von der Marke und vom Sentiment ab. Es gibt keine besondere Anwendung außer Spekulation und Erpressung. Vielleicht kommt noch eine. Das ist meine persönliche Meinung. Wikifolio ist da neutral, alle marktüblichen Krypto-ETPs sind auch auf wikifolio.com handelbar. Aber wer als Anleger Bewegung haben will: Es gibt genug Tenbagger (Verzehnfacher) von Amazon über Tesla bis zu kleineren Unternehmen. Oder wenn man die Welt retten will: Biontech war in vielen Wikifolios drin. Das hat jetzt so stark korrigiert, dass es vielleicht schon billig ist.

Viele raten: „Buy the Dip“. Aber was, wenn das nicht der Dip ist, sondern das fallende Messer?

Das ist ein spannender Punkt. Man muss wissen, ob man ein Trader oder ein Langfristinvestor ist. Wenn ich Langfristinvestor bin, gilt „Buy the Dip“, denn da habe ich mir das Unternehmen fundamental angeschaut. Wenn ich ein Kurzfrist-Trader bin, sollte ich eher auf das fallende Messer achtgeben. Man kann auch beide Mindsets haben. Man sollte aber wissen, was zum Investment- und zum Zockerportfolio gehört.

Zur Person

Andreas Kern ist Gründer und CEO von Wikifolio, einer Internetplattform, die erfahrenen Anlegern ermöglicht, ihre Handelsideen umzusetzen und zu publizieren, und Investoren die Chance bietet, über Zertifikate in diese Ideen zu investieren. Vor der Gründung von Wikifolio im Jahr 2012 war der Mathematiker, Computerwissenschaftler und ausgebildete Börsenhändler für Termin- und Kassamarkt in der Finanz- und Payment-Branche tätig: als Geschäftsführer der PayboxAustria und Mitbegründer der Payolution GmbH, die an Skrill/Moneybookers verkauft wurde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2022)