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Kernkraft

Frankreich: Rechnungshof auf atomkritischem Kurs

FRANCE-ENERGY-ELECTRICITY-NUCLEAR PLANT
Ein von vier Reaktoren im franzlösischen Atomkraftwerk Tricastin wurde am Montag abgeschaltet.(c) AFP via Getty Images (JEFF PACHOUD)
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In der Krise sieht Martin Litschauer, Atomsprecher der Grünen, die französische Atomindustrie. Am Montag ist nun erneut ein Reaktor abgeschaltet worden, fünf weitere sind vom Netz. Und nun ist auch der Rechnungshof auf atomkritischem Kurs.

Nachdem es bereits seit einiger Zeit Anomalien bei vier französischen Atomkraftwerken gibt, die deshalb vom Netz genommen worden sind, uind im Jänner ein fünfter Reaktor abgeschaltet wurde, wird aus dem AKW Tricastin im Rhône-Tal eine Panne gemeldet. In einer Leitung eines Dampf-Generators ist Öl ausgetreten, in den Morgenstunden des Montags wurde das AKW heruntergefahren. Es wird damit gerechnet, dass er am Donnerstag wieder ans Netz geht. Die drei anderen Tricastin-Reaktoren bleiben am Netz. Insgesamt liefert der atomare Kraftwerkspark in Frankreich nur etwa vier Fünftel der rechnerisch möglichen Kapazität.

Die französische Regierung hat eine Bereitschaft zu erkennen gegeben, die Betreibergesellschaft Électricité de France (EdF) zu unterstützen, dies aber nicht konkretisiert. Der Staat ist EdF-Eigentümer und hat erst vor kurzem angeordnet, dass die EdF größere Stromkontingente zu günstigeren Tarifen verkaufen musste. Die Gewerkschaft will diese Anordnung gerichtlich bekämpfen.

„Damit soll die Teuerung des Strompreises gesenkt werden“, meint Martin Litschauer, Anti-Atomsprecher des Parlamentsklubs der Grünen. Er vermutet, dass die finanzielle Krise der EdF weiter verschärft werde. „Gegenüber 2005 hat die EdF 63% an Wert verloren.“

Ausfall an 115 Tagen

„Der EdF-Kurs an der Börse ist jedenfalls um 20 Prozent eingebrochen“, berichtet Mycle Schneider, Herausgeber des alljährlichen „World Nuclear Industry Status Report“. Er erklärt weiter, dass die französischen Kernkraftwerke im Durchschnitt eine Ausfallszeit von 115,5 Tagen hätten.

Litschauer, der eine EU-Entscheidung für kommenden Donnerstag erwartet, ob Atomkraft von der EU als „grüne Energie“ in der Taxonomie-Verordnung eingestuft wird, fordert, dass dies nicht geschehen dürfe. Er verlangt außerdem eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung in Tricastin, wo vor kurzem ein Verfahren zur Verlängerung der Betriebsdauer begonnen hat – daran teilnehmen dürfen allerdings nur Leute, die im Umkreis von fünf Kilometern um das Kraftwerk leben. Dass Österreich die UVP einklagt, will er nicht ausschließen, „aber möglich ist das erst am ersten Tag des Betriebs nach Ablauf der ursprünglichen Betriebszeit.“

„Verlängerungen nicht selbstverständlich“

Unterdessen scheint der französische Rechnungshof auf einen atomkritischeren Kurs einzuschwenken. In einem Bericht, der im November veröffentlicht worden ist, weisen die Prüferinnen darauf hin, dass nun die Weichen gestellt werden müssen, um die Energie-Zukunft des Landes zu sichern, zumal zwischen 2040 und 2050 die Atomkraftwerke stillzulegen seien (wobei Betriebszeitverlängerungen von 40 auf 60 Jahre als umsetzbar angenommen werden). Dann müsse der Umstieg auf neue Kraftwerke „aus welcher Energiequelle auch immer“, wie es heißt, durchgezogen werden. Diese Verlängerungen „können nicht als selbstverständlich“ erachtet werden, ein jede einzelne unterliege der Genehmigung. Es müsse zwischen 2022 und 2027 eine öffentliche Debatte „auf besserer Wissensbasis“ geführt werden. Die Entscheidung, die in den nächsten Jahren getroffen werde, wirke bis 2070 oder bis zum Jahr 2100 weiter.

Schonungslos wird die finanzielle Situation der EdF dargestellt, bei der sich Ende 2020 Schulden von 42 Mrd. € „angehäuft“ haben, so der Bericht, und ebenso schonungslos werden die Problem beim Bau von Atomkraftwerken aufgelistet. In Flammaville, wo ein EPR-Reaktor errichtet wird, sind die Kosten von drei auf mehr als 19 Mrd. € gestiegen sind. Bauarbeiten haben 2007 begonnen, es ist unklar, wann das Kraftwerk fertiggestellt wird.

Nicht aus eigener Kraft

Der Bau von Nachfolgereaktoren (EPR II) sei von der EdF zwar angekündigt worden, ist aber noch in weiter Ferne. Die Kosten für sechs EPR II wird mit 23 Milliarden angegeben, aber, so der Rechnungshof, es seien „25 bis 30“ solcher Anlagen nötig, um die Stromproduktion der dann abgeschalteten alten AKW zu ersetzen. Dass diese Pläne für nicht realistisch erachtet werden könnten, wird zwar nicht explizit ausgeführt, klingt aber zwischen den Zeile durch. Festgestellt wird abschließend nur, dass aufgrund der gegenwärtigen finanziellen Situation „EdF nicht in der Lage ist, diese Reaktoren aus eigener Kraft zu bauen“.