Kulturkampf

Holocaust-Comic unzumutbar für US-Schüler?

Art Spiegelman Comicmesse Festival d Angouleme 26 01 2012 RenaudJOUBERT Panoramic PUBLICATIONx
Art Spiegelman Comicmesse Festival d Angouleme 26 01 2012 RenaudJOUBERT Panoramic PUBLICATIONx(c) imago/PanoramiC (imago stock&people)
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Nachdem ein Schulbezirk Art Spiegelmans berühmte Graphic Novel „Maus“ vom Lehrplan entfernt hat, warnt der Autor vor Denkkontrolle. Noch nie erhielten Bibliotheken so viele Zensurforderungen.

„Es ist Teil eines Kontinuums und ein Vorbote von Dingen, die kommen werden“: Der New Yorker Art Spiegelman sieht die Entfernung seines berühmten autobiografischen Holocaust-Comics „Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“ aus dem Lehrplan in einem Schulbezirk von Tennessee nicht als Einzelfall. „Die Kontrolle des Denkens der Menschen ist hier das Wesentliche“, sagt er. „Das ist eine Alarmglocke.“

Einstimmig hatte das zehnköpfige Gremium im Schulbezirk McMinn beschlossen, den Comic aus den Lektürelisten für die achte Schulstufe zu entfernen. Die Begründung: Schimpfwörter wie „damned“ und das Bild eines nackten Körpers – das der Mutter Art Spiegelmans, die nackt in einer Badewanne liegt, nachdem sie Suizid begangen hat.
Das Phänomen verstärkt sich in den USA seit Jahren: Immer mehr Literatur wird einerseits im Namen des Schutzes traditioneller US-amerikanischer Werte, andererseits im Namen des Kampfes gegen Diskriminierung als inakzeptabel gebrandmarkt. Noch nie haben amerikanische Bibliotheken so viele Forderungen erhalten, Bücher aus ihrem Angebot zu verbannen, wie in den vergangenen Monaten.

„Maus – Die Geschichte eines Überlebenden“ war der erste Comic, der mit einem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Der Autor verarbeitet darin die eigene Familiengeschichte. Dabei stellt er Jüdinnen und Juden als Mäuse dar, Nationalsozialisten als Katzen. Spiegelmans aus Polen stammende Eltern überlebten mehrere KZs, darunter Auschwitz. Ihr ältester Sohn und der Großteil ihrer Angehörigen wurde ermordet.

Die konservativen „Moms for Liberty“

Wegen der „unnötigen Nutzung von Obszönität und Nacktheit und der Darstellung von Gewalt und Suizid“ werde nun nach Werken gesucht, mit denen man den Schülern die Geschichte des Holocaust auf „altersgerechtere Weise“ näherbringen könne, hieß es in einer öffentlichen Erklärung des Gremiums über die Verbannung des Comics aus dem Curriculum. Schulbibliotheken und vom Lehrplan vorgegebene Lektürelisten stehen auch sonst im Mittelpunkt der grassierenden Zensurforderungen. Vergangenen November etwa wurden die Zuständigen eines Schulbezirks in Kansas dazu aufgefordert, 29 Bücher aus den Bibliotheken zu entfernen, unter anderem „Der Report der Magd“ und „Sehr blaue Augen“ der Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Eine große Rolle spielt dabei die konservative Mütter-Vereinigung „Moms for Liberty“, die 70.000 Mitglieder hat. Sie versprach sogar auf Twitter 500 Dollar Belohnung für Hinweise auf Lehrpersonen, die „anstößige Inhalte propagieren“.

Andererseits werden Antirassismus-Klassiker wie „Wer die Nachtigall stört“ oder „Huckleberry Finn“ im Namen des Antirassismus aus Lehrplänen entfernt, da darin Afroamerikaner zu negativ dargestellt würden oder das N-Wort darin vorkommt. (sim)


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