Jetzt läuft der Teilchenbeschleuniger in Genf schon ein Jahr (ohne Schwarzes Loch) – und das Döblinger Gymnasium feiert 125 Jahre. Hurra!
Als ich vor einem Dritteljahrhundert im Gymnasium saß, oblag es dem Oberschulwart, den jeder respektvoll „Herr Peter“ nannte, Meldungen aus der Direktion, sogenannte „Läufer“, durch die Klassen zu tragen. Mit seinem auf einem Terzsprung gesungenen „Grüß Gott“ unterbrach er jäh den Unterricht. Als er eines Septembertags zum wiederholten Male mit einem neuen Stundenplan in die Klasse stürzte, fand der u.a. für perfekte Mod-Anzüge, Stimmgewalt und humane Logik berühmte Prof.Kerndler zu einer eines Mathematikers würdigen Interpretation: „Der Stundenplan, den Herr Peter vorgestern gebracht hat, war der vorläufig vorläufige, der gestrige war der endgültig vorläufige. Der von heute ist der vorläufig endgültige. Der endgültig endgültige kommt noch, hoffentlich.“
Daran musste ich denken, als ich im „Standard“ unter dem lauten Titel „Ein großer Schritt in Richtung Urknall“ folgenden auch nicht gerade leisen Eröffnungssatz las: „Am Montag um 11.20 Uhr Ortszeit begann für den Large Hadron Collider (LHC) endgültig ein neues Zeitalter.“ Denn just zu diesem Zeitpunkt habe man ebendort, also im Teilchenbeschleuniger-Tunnel unterhalb von Genf, erstmals einen stabilen Strahl aus Blei-Ionen erzeugt.
Wäre ich ein Ovid, so würde ich meinen Metamorphosen alsgleich einen Abschnitt über das bleierne Zeitalter (plumbea aetas?) hinzufügen; da ich keiner bin, frage ich nur skeptisch: endgültig? Oder nicht doch nur vorläufig endgültig? Wer vermag das schon zu sagen über eine Ära, in der laut „Standard“ im Genfer Untergrund „Zustände wie unmittelbar nach dem Big Bang“ entstehen? In der „Mikrofeuerbälle“ von Billionen und Aberbilionen Grad lodern? (Siehe dazu S.28.)
Eigentlich hatte ich ja gedacht, die Ära der Endgültigkeit sei circa seit der letzten Jahrtausendwende vorbei. Enden haben wir ja schon alle gehabt, damals in den Neunzigerjahren, oft in Buchform: das Ende der Physik, das Ende der Wissenschaft, das Ende der Entdeckungen, das Ende der Geschichte, das Ende des Humanismus,...
Ach, es war eine enden wollende, eine Enden wollende Zeit. „It's the end of the world as we know it (and I feel fine)“, hatten R.E.M. schon 1987 gesungen, und wir sangen es immer noch. Apropos: Sollten wir nicht endlich gehörig feiern, dass die Welt – trotz aller Warnungen – nicht untergegangen ist, obwohl der LHC jetzt schon fast ein Jahr in Betrieb ist? Oder wollen wir ewig darauf warten, dass wir endgültig wissen, dass kein Schwarzes Loch (und auch kein „Strangelet“) aus Genf uns in seinen Abgrund reißt? Party like it's 1999! Neutronen-Sekt her! Quarktörtchen! Great Balls of Fire!
Das oben erwähnte Gymnasium, das eleganterweise in der Wiener Gymnasiumstraße daheim ist, feiert übrigens am 18.November, dass es auch schon 125 Jahre alt ist. Vorläufig endgültig, hoffentlich.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.11.2010)