Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Premium
Interview

Volckmer: "Viele Deutsche wären gerne jüdisch"

Katharina Volckmer Volkstheater Akos Burg Katrin Nussmayr 2022-01-30
Ein gynäkologischer Stuhl, ein paar Bildschirme, ein bisschen Bühnenschnee: Die 34-jährige Katharina Volckmer vor dem Bühnenbild zu "Der Termin" in der Volkstheater-Dunkelkammer.Akos Burg
  • Drucken

Mit einem „jüdischen Schwanz“ will eine Frau in Katharina Volckmers „Der Termin“ ihre Vergangenheit abschütteln. „Das ist natürlich absurd“, sagt die Autorin, deren aufsehenerregendes Buch nun im Volkstheater uraufgeführt wird. Ein Gespräch über deutsche „Awkwardness“, perverse Sehnsüchte und Thomas Bernhard.

Der Roman hat Wellen geschlagen: „Der Termin“, geschrieben von der in Deutschland aufgewachsenen, seit 15 Jahren in London lebenden Autorin Katharina Volckmer, ist der Monolog einer namenlosen deutschen Figur, die einem stummen jüdischen Arzt ihre konfliktbeladene Lebensgeschichte anvertraut. Es geht um Schuldgefühle, Körperscham, Hitler-Träume – kurz, das Ringen mit der eigenen Identität. Auf einer Nebenbühne des Wiener Volkstheaters erlebt „Der Termin“ gerade seine Bühnenpremiere: Aus dem atemlosen, launigen Wortschwall wurde eine gemessene, rhythmische Inszenierung. Volckmer findet das „cool“, erzählt sie der „Presse“: „Das ist das zweite Leben des Buches.“

Die Presse: Die Figur in „Der Termin“ richtet ihren Monolog an einen jüdischen Arzt, der gerade ihre Vagina untersucht . . .

Katharina Volckmer: Sie ist Deutsche, er ist jüdisch, sie testet die ganze Zeit, wie weit sie gehen kann. Und er lässt sie. Wie alle Deutschen hätte sie gern, dass er ihr verzeiht – das bekommt sie natürlich nicht. Durch sein Schweigen wird sie am Ende nicht erlöst.

Das Ganze hat etwas von einem Geständnis. Braucht es ein solch intimes, durch die ärztliche Schweigepflicht geschütztes Setting, um offen über diese Themen – Schuld und Identität – zu sprechen?